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Wie der Leopard zu seinen Flecken kam

Rudyard Kipling

Wie der Leopard zu seinen Flecken kam

Am Anfang, als die Welt noch ganz neu war, lebten der Leopard und der Äthiopier in der großen, trockenen Ebene. Alles dort war sandgelb und staubbraun: das Gras, die Erde, der Himmel im Hitzedunst – und auch die Tiere. Die Giraffen waren einfarbig, die Zebras waren einfarbig, die Antilopen waren einfarbig. Der Leopard war gelbbraun wie der warme Sand, und der Äthiopier war staubbraun von Sonne und Wind. Die beiden waren die geschicktesten Jäger in der Ebene.

Jeden Morgen schlichen sie zusammen. "Wen willst du heute?", fragte der Leopard.

"Vielleicht ein Zebra, vielleicht eine Giraffe", antwortete der Äthiopier. Und fast immer bekamen sie, was sie wollten, weil ihre Farben genau zur Ebene passten. Es war leicht, sich dort zu verstecken, wo alles gleich aussah.

Schließlich wurden die Giraffen, Zebras und all die anderen müde, immer gefunden zu werden. Eines Nachts flüsterten sie zueinander: "Lasst uns umziehen. Lasst uns den schattigen Wald suchen, wo das Licht spielt und der Boden mit Sonne gesprenkelt ist." Sie tappten und trabten weg, weit weg von der offenen Ebene, zwischen die Bäume und Büsche, wo die Sonne in Streifen und Punkten auf den Boden fiel.

Als der Morgen kam, schlichen der Leopard und der Äthiopier wie gewohnt. Aber die Ebene war still. Keine Hufabdrücke, keine raschelnden Blätter, keine langen Hälse, die über das Gras ragten.

"Wo sind sie hin?", fragte der Leopard.

"Ich weiß es nicht", sagte der Äthiopier. "Wir müssen suchen."

Sie suchten einen Tag, und einen anderen, und noch einen. Sie suchten, bis ihre Pfoten und Füße müde waren, aber sie fanden nichts. Dann trafen sie einen alten, weisen Pavian, der auf einem Stein am Rande des Waldes saß. Er blinzelte langsam und sagte: "Ich weiß, was ihr sucht, und ich weiß, warum ihr es nicht findet."

"Sag es uns", bettelte der Äthiopier. "Wir sind hungrig und verstehen nichts."

"Sie sind in den Schatten gegangen", sagte der Pavian. "In den großen Wald, wo das Licht zu Streifen und Flecken wird. Und ihr, ihr lauft immer noch herum, als wäre die Welt eben und sandig. Wenn ihr sie finden wollt, müsst ihr dorthin gehen, wo sie sind. Und ihr müsst euch ändern, so wie sie sich geändert haben. Das ist ein Rat von einem, der Schatten kennt."

Der Leopard schaute in die dunklen Bäume. "Uns ändern? Wie?"

"Geh und sieh", sagte der Pavian. "Ich habe bereits genug gesagt."

Der Leopard und der Äthiopier gingen in den Wald. Dort war es kühl. Die Sonne filterte durch die Blätter und legte Lichtflecken auf den Boden. Die Baumstämme zogen Streifen über den Pfad. Das Licht verschob sich mit jedem Schritt, als ob jemand den Boden mit einem Pinsel malte, der nie stillstand.

"Ich kann Gerüche riechen", flüsterte der Leopard. "Sie sind hier. Aber ich kann sie nicht sehen."

Etwas raschelte. Ein Paar Beine rannte vorbei – dunkel, hell, dunkel, hell – und verschwand. Ein langer Hals erschien und wurde zu Flecken, die sich zwischen den Schatten auflösten.

"Kommt raus und zeigt euch!", rief der Leopard. "Seid höflich zu alten Freunden!"

"Kommt her und fangt uns, wenn ihr könnt!", rief eine Stimme zurück und lachte. Ein gestreifter Rücken glimmerte und wurde wieder zu Schatten.

Der Äthiopier hockte sich hin und schaute konzentriert. Er sah, wie das Licht in Streifen über einen Stamm fiel, wie die Buschblätter Punkte auf dem Boden machten. Er strich mit der Hand über die Erde und fand Ruß von einem alten Lagerfeuer. Er mischte den Ruß mit etwas feuchtem Lehm zu einer dicken Farbe.

"Was machst du da?", fragte der Leopard.

"Ich ändere mich", sagte der Äthiopier. "Der Pavian hatte recht. Die Welt hier drin ist nicht die Welt der Ebene. Wenn ich mich ihr anpassen will, muss ich die Farbe des Waldes annehmen."

Er strich die dunkle Mischung über seine Haut, langsam und sorgfältig, bis er tief und glänzend wurde wie der Schatten zwischen den Bäumen. Der Leopard blinzelte.

"Jetzt kann ich dich kaum sehen!", rief er aus. "Wenn du still im Schatten stehst, bist du wie die Nacht selbst. Kannst du auch etwas für mich tun?"

"Ganz dunkel solltest du nicht sein", sagte der Äthiopier. "Du brauchst die Sprache des Waldes auf deinem Fell. Streifen passen zu einem, der zwischen Stämmen läuft. Aber du schleichst im stillen Land der Flecken. Also sollst du Flecken haben."

Er tauchte seine Fingerspitzen in die dunkle Farbe. "Steh still", bat er. "Und flitz nicht weg, wenn es kitzelt."

Er drückte seine fünf Fingerspitzen sanft gegen das gelbe Fell des Leoparden: fünf kleine Punkte auf einmal. Auf den Rücken, auf die Seiten, auf die Beine, auf den Schwanz. Flecken hier, Flecken da, Flecken überall, wo das Licht des Schattens gebrochen werden könnte. Der Leopard kicherte manchmal, wenn es kitzelte, aber blieb still.

"Schau dich an", sagte der Äthiopier schließlich. "Stell dich unter diesen gesprenkelten Sonnenlichtfleck."

Der Leopard glitt in ein Feld aus Licht und Schatten. Plötzlich war er nur noch halb sichtbar, als ob er aus gesprenkeltem Sonnenschein gemacht wäre. "Ich verschwinde!", flüsterte er glücklich. "Ich bin der Wald!"

"Dann sind wir bereit", sagte der Äthiopier.

Als sie weiter schlichen, war der Wald voller Geheimnisse. Aber jetzt waren sie auch geheim. Sie sahen wieder gestreifte Rücken, aber diesmal kamen sie näher, leise wie fallende Blätter. Sie sahen gefleckte Beine, aber jetzt wussten sie, wie man in einem Lichtfleck steht. Und als der Mittag kam, waren sie nicht mehr hungrig.

Seitdem ist alles so, wie du es heute siehst. Das Zebra trägt seine Streifen, denn das Licht des Waldes zeichnete sie auf seinen Körper. Die Giraffe trägt ihre großen Flecken, denn gesprenkelter Sonnenschein wurde ihr bestes Versteck. Und der Leopard trägt seine Flecken, denn ein Freund mit fünf Fingerspitzen drückte sie auf ihn, genau dort, wo Schatten und Licht tanzen. Der Äthiopier wurde dunkel wie der Wald selbst, denn dort ist Schatten oft der sicherste Mantel.

Wenn du einen wirklich alten Pavian fragst, warum solche Dinge geschahen, zwinkert er vielleicht nur und sagt: "Wenn sich die Welt ändert, musst du dich manchmal mit ihr ändern. Und wenn du jemals auf einem Waldpfad stehst, wo die Sonne durch die Blätter strömt und der Boden wie ein Leopardenfell aussieht, dann weißt du warum."

Ende

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