Tölpel-Hans von H.C. Andersen
H.C. Andersen
6-9 Jahre
4 min
Eine kluge Prinzessin sucht den besten Redner. Zwei feine Brüder scheitern – doch Tölpel-Hans, sein Ziegenbock, eine Krähe, ein Holzschuh und ein bisschen Schlamm sorgen für Lachen, Antworten und Hochzeit!

Tölpel-Hans

Es war einmal eine Prinzessin, die war klug, schnell im Kopf und gar nicht leicht zu beeindrucken. „Ich will den heiraten, der mit mir so reden kann, dass ich ihm gern antworte“, ließ sie im ganzen Land verkünden. Viele versuchten es. Sie standen vor ihr, sagten kluge, lange Sätze – und doch brachte die Prinzessin sie mit einem einzigen schnellen Wort zum Schweigen. Da kehrten sie beschämt nach Hause zurück.

Nicht weit vom Schloss lebte ein Mann mit drei Söhnen. Die beiden älteren waren feine Herren, sauber gekleidet und stolz auf ihr Wissen. Der jüngste aber wurde Tölpel-Hans genannt. Er lief in Holzschuhen, lachte gern und sagte oft: „Man muss nehmen, was man findet!“

Als die Nachricht von der Prinzessin kam, zogen die zwei älteren Brüder los. Sie übten Goldworte, setzten die glänzendsten Hüte auf und stiegen auf die besten Pferde. „Viel Glück“, sagte der Vater. Da rief Tölpel-Hans: „Ich komme auch!“ Die Brüder lachten. „Du? Auf deinem Ziegenbock?“ – „Ja“, sagte Hans, „auf meinem Ziegenbock. Der trägt mich, wohin ich will.“

So ritt Hans los. Der Ziegenbock meckerte fröhlich, und Hans pfiff ein Lied. Am Wegesrand lag eine tote Krähe. „Die kann man gebrauchen!“, sagte Hans und steckte die Krähe in die Tasche. Ein Stück weiter fand er einen alten Holzschuh mit einem Loch in der Seite. „Der ist gut zu etwas!“, sagte er und hängte ihn an den Sattel. Bald darauf glitzerte der Graben neben der Straße. Der Regen hatte ihn mit dickem, braunem Schlamm gefüllt. Hans schöpfte eine Handvoll und stopfte sie in seine andere Tasche. „Man weiß nie, wozu es taugt.“

Vor dem Schloss drängten sich die Leute. Die Prinzessin saß hoch oben auf ihrem Thron. Neben ihr standen der König, die Königin und viele Hofleute mit wichtigen Gesichtern. „Wer mit mir reden will, soll vortreten!“, sagte die Prinzessin.

Der älteste Bruder machte einen Schritt nach vorn. Er räusperte sich und begann mit Worten, die er aus dicken Büchern gelernt hatte. Die Prinzessin lächelte dünn. „Das sind lange Sätze“, sagte sie, „aber sind es deine?“ Der Bruder stotterte. „Äh, natürlich…“ – „Dann erzähl mir etwas, was du heute selbst gesehen hast.“ Der Bruder wollte, aber je mehr er nachdachte, desto weniger fiel ihm ein. Die Prinzessin nickte höflich. „Der Nächste.“

Nun trat der zweite Bruder vor. Er hatte Redensarten gesammelt wie Perlen. „Euer Hoheit“, begann er, „die Sonne strahlt wie das goldene Band der Wahrheit…“ – „Ach, das Band ist mir zu lang“, sagte die Prinzessin. „Kannst du es kürzer machen?“ Der Bruder geriet ins Schleudern. Seine Worte fielen auseinander wie trockene Blätter. „Der Nächste“, sagte die Prinzessin.

Da kam Tölpel-Hans auf seinem Ziegenbock in den Saal getrottet. Sein Holzschuh klapperte, der Bock schnaubte, und die Hofleute kicherten. „So etwas Grobes!“, flüsterten sie. Die Prinzessin aber beugte sich neugierig vor. „Und du? Wer bist du?“ – „Ich bin Hans“, sagte er, „aber die Leute nennen mich Tölpel-Hans. Ich habe etwas mitgebracht.“

„Was denn?“, fragte die Prinzessin. Hans griff in seine Tasche. „Eine Krähe! Die lag da, ich hab sie aufgehoben.“ – „Eine Krähe?“, rief die Prinzessin, und ihre Augen funkelten vor Spaß. „Und was willst du damit?“ – „Essen!“, sagte Hans fröhlich. „Mit guter Sauce. Und hier ist gleich der Topf dazu.“ Er schwang den alten Holzschuh in die Luft.

Die Hofleute prusteten los. „Ein Schuh als Topf! Der hat ja ein Loch“, rief der Hofmeister. „Kein Problem“, sagte Hans, „das stopfen wir zu.“ Er holte die Hand aus der anderen Tasche, voll mit kühlem, klebrigem Graben-Schlamm. „Hier ist die beste Stopferei, frisch aus der Natur!“ Ein dicker Tropfen plumpste auf den Boden, genau auf den glänzenden Schuh des Kammerherrn. Die Prinzessin prallte nicht zurück – sie lachte! Es war ein helles, echtes Lachen.

„Und die Sauce?“, fragte sie. „Die Sauce ist gleich dabei“, sagte Hans und hielt die matschige Hand über den Holzschuh, so dass es hineinklatschte. „Rahm haben wir nicht, aber heute gibt’s Graben-Sauce. Die ist frei Haus.“

„Du bist ja ein wunderlicher Koch“, sagte die Prinzessin. „Wo hast du das Kochen gelernt?“ – „Unterwegs“, sagte Hans. „Wenn man hungrig ist, lernt man schnell. Und wenn man nichts hat, dann nimmt man, was man findet.“

Der König räusperte sich streng. „Im Thronsaal kochen wir eigentlich nicht.“ – „Dann nehmen wir die Küche“, sagte Hans flink, „aber heiraten tut man nicht in der Küche, oder? Darüber sollten wir hier reden.“ Die Prinzessin hielt sich den Bauch vor Lachen. Sie hatte viele gehört, die alles konnten – außer antworten. Dieser hier konnte antworten, und noch dazu so, dass sie selbst gern weiterfragte.

„Sag mir, Hans“, meinte sie, jetzt wieder ein wenig ernster, „was gibst du mir, wenn ich dich heirate?“ – „Die Krähe, den Schuh und den Graben?“, rief ein Höfling spöttisch. Hans nickte. „Ja – und außerdem: fröhliche Tage, ehrliche Worte und einen Mann, der keine Angst hat, sich die Hände schmutzig zu machen, wenn’s sein muss.“

Die Prinzessin klatschte in die Hände. „Das ist eine Antwort! Kurz, frisch und ganz deine.“ Sie stand auf. „Ich habe gesagt, ich heirate den, der so mit mir reden kann, dass ich ihm gern antworte. Heute habe ich gern geantwortet.“

Die Hofleute murmelten. Der älteste Bruder biss sich auf die Lippe, der zweite starrte auf seine feinen Handschuhe. Der König sah seine Tochter an und nickte. „Ein Versprechen ist ein Versprechen.“

So wurde Hochzeit gefeiert. Der Ziegenbock bekam einen Kranz aus Bändern und durfte in den königlichen Stall. Der alte Holzschuh, blitzblank gewaschen, hing an der Wand der großen Küche als Andenken mit einem Schild: „Topf von Tölpel-Hans“. Die Krähe begrub man im Schlossgarten unter einer Rose – denn die Prinzessin sagte: „Auch eine Krähe hat einen Platz verdient.“ Und den Graben-Schlamm? Den wusch man natürlich ab, aber jedes Mal, wenn die Prinzessin lachte, meinte Hans: „Das war die beste Sauce von allen – die, die die Zungen löst und die Herzen warm macht.“

Und wenn jemand fragte, wie ein Tölpel eine Prinzessin gewann, dann sagte die Prinzessin: „Gar nicht als Tölpel. Als einer, der frisch denkt, ehrlich spricht und keine Angst hat, er selbst zu sein.“

The End

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