Geschichtenbot
Mutige Mira
Mira war klein genug, um ihre ganze Hand in Mamas zu verstecken, aber ihre gelben Stiefel klangen groß und mutig, als sie über den Parkweg klapperten. Es war Markttag. Die Luft war voller Lachen, und der Duft von frisch gebackenen Zimtschnecken wand sich zwischen den Ständen hindurch.
Luftballons in allen Farben zerrten an Schnüren wie ungeduldige Anglerschwimmer. Fahnen flatterten, und eine kleine Kapelle spielte eine fröhliche Melodie mit Geige und Trommel. Mama lächelte. – Schau mal, Äpfel!
Der Mann hinter dem Apfeltisch hatte eine moosgrüne Mütze und ein großes, freundliches Lachen. – Probier eine Scheibe, sagte er. Mira biss in die knackige Scheibe. Sie schmeckte nach Sonne und Zucker.
Genau in diesem Moment kam ein Windstoß, als hätte jemand durch einen riesigen Strohhalm geblasen. – Meine Mütze! rief ein Junge in einem Fisch-Shirt. Die rote Mütze segelte hoch, drehte sich über das Gras und landete genau im Gehege bei den Gänsen.
Die Gänse waren groß und weiß, mit Schnäbeln wie orangefarbene Karotten und Füßen, die auf das Gras platschten. Sie sahen die Mütze an. – Zisch, sagte eine. – Schnatter, sagte eine andere. Der Junge biss sich auf die Lippe, und seine Augen wurden glänzend.
– Oh je, sagte jemand. – Wir sollten dem Personal Bescheid sagen.
Mira spürte ihr Herz wie eine kleine Trommel in ihrem Bauch schlagen. Die Gänse waren fast so groß wie ihr Bauch. Sie starrten mit runden Augen. Sie drückte Mamas Finger. – Gänse können zwicken, sagte eine Tante besorgt. – Am besten warten.
Mama hockte sich neben Mira. – Ich stehe hier, sagte sie ruhig. – Du musst nichts tun. Aber wenn du es versuchen willst, versuchen wir es zusammen.
Mira sah den Jungen im Fisch-Shirt an. Auf seinem Namensschild stand Leo. – Meine Mütze… flüsterte er. Es fühlte sich an, als ob ein kleiner Funke in Miras Brust aufleuchtete. Sie schluckte, nickte und zählte leise. Eins. Zwei. Drei.
– Ich möchte es versuchen, sagte sie. Sie drehte sich zum Apfelmann. – Darf ich mir diesen langen Besen leihen?
– Natürlich! sagte der Mann. – Ich bin Rune. Dieser ist wie ein extra langer Arm. Und weißt du was? Gänse mögen Äpfel. Nimm ein paar Scheiben.
Mira nahm den Besen in eine Hand und einige Apfelscheiben in die andere. Sie ging auf das Gehege zu. – Hallo Gänse, sagte sie leise. – Ich heiße Mira. Ihr bekommt Äpfel. Ich muss nur Leos Mütze holen.
Die größte Gans, mit glänzenden weißen Federn, kam nach vorne und streckte ihren Hals. – Das ist wahrscheinlich Gullan, flüsterte Rune hinter ihr. Gullan blinzelte, ein langsames Blinzeln, als ob sie nachdachte.
Mira hielt eine Apfelscheibe durch den Zaun. – Hier, bitte sehr, Gullan. Die Gans nahm einen kleinen, vorsichtigen Bissen. Die anderen Gänse stupsten sich neugierig an. Mira legte eine weitere Scheibe ein Stück weiter weg. – Das ist für euch, sagte sie. – Bitte, lasst die Mütze in Ruhe.
Als die Gänse dem Apfel folgten, schob Mira vorsichtig den Besen unter den Mützenrand. Der Windstoß ließ die Fahnen wieder flattern. Die Mütze drehte sich eine halbe Drehung und rollte auf einen Wassertrog zu. – Oh nein nein, flüsterte Mira und streckte vor Konzentration die Zunge heraus.
– Los Mira! rief jemand leise. – Du schaffst das, sagte eine andere Stimme. Leo stand am Zaun mit den Händen am Gitter und hüpfte ein wenig auf der Stelle.
Der Besen stieß an, die Mütze hob sich wie ein roter Pfannkuchen. Gullan hielt inne und schaute, aber Mira behielt ihre ruhige Stimme. – Hier, Gullan, mehr Apfel, sagte sie und ließ eine weitere Scheibe fallen. Die Gans mampfte zufrieden.
Die Mütze rutschte näher an den Zaun. – Greif zu, Leo, sagte Mira. Er streckte seine Finger durch das Quadrat. – Ich hab sie! rief er, als der Stoff seine Hände erreichte. Ein kleiner Jubel breitete sich wie Blasen in der Luft aus. Jemand klatschte. Die Gänse mampften weiter.
Gullan blinzelte wieder, fast wie ein Nicken. Mira lachte. – Danke fürs Teilen, sagte sie zu den Gänsen. – Und auf Wiedersehen.
Mama legte eine Hand auf Miras Schulter. – Was für eine kluge Idee mit den Äpfeln, sagte sie. Rune lehnte sich gegen den Besen. – Du warst freundlich und klar. Das mögen die Gänse.
Mira spürte etwas Warmes in ihrer Brust, wie eine kleine Sonne, die Lampen überall in ihrem Körper anzündete. Sie steckte ein paar Apfelkerne in ihre Tasche. – Das sind Mut-Samen, flüsterte sie zu sich selbst.
Leo zog die Mütze wieder auf den Kopf. – Danke, Mira! sagte er und lächelte so breit, dass der Fisch auf seinem Shirt fast schwamm.
– Gern geschehen, sagte Mira. Ihre Stiefel klapperten wieder, als sie und Mama weiter zwischen den Ständen gingen. Sie winkten Rune und den Gänsen zu. Gullan antwortete mit einem leisen Schnattern, und alles fühlte sich klar und hell und ein bisschen größer im Inneren an.
Miras Schritte klangen extra mutig.
Ende
