Geschichtenbot
Linn und der kleine Drache
Linn ging über die Wiese, wo die Butterblumen sanft wogten. Plötzlich kam ein winziges Piepsen aus dem Himbeerstrauch. Aus den Blättern steckte ein kleiner Kopf, blau und schuppig, mit einem knorrigen Schwanz.
– Hallo, sagte Linn vorsichtig.
– Schnurr, antwortete der kleine Drache. Ich heiße Schnurra. Mein warmer Atem ist weg. Ohne ihn kann ich das Saatgut der Blauen Flamme nicht nach Hause in unser Reich bringen.
Schnurra nieste. Kleine Funken pafft heraus und rochen nach Zimt. Aber sie waren schwach und liefen wie Wasser.
– Wo ist dein Reich? fragte Linn.
– Die Wiese des Lichts, sagte Schnurra und zeigte mit seinem Schwanz. Das Tor öffnet sich nur für freundliche Schritte.
Linn zog ihre roten Stiefel aus und ging barfuß. Die kitzelnden Grashalme flüsterten Hallo. Vor ihnen stand ein großer Löwenzahn, hoch wie eine Fahnenstange. Als Linn so fest blies, wie sie konnte, wirbelten die Pusteblumen und zeichneten eine glitzernde Tür in die Luft.
Sie traten hindurch. Die Luft schmeckte nach Zuckerperlen. Die Bäume waren wie grüne Regenschirme, und Schmetterlinge flogen wie bemalte Blätter. Ganz hinten erhob sich der Singende Berg. An der Spitze, sagte Schnurra, würde das Saatgut erwachen und der ganzen Wiese des Lichts Farbe geben.
– Dann gehen wir! sagte Linn.
Zuerst kamen sie zum Blubberwald. Bernsteinfarbene Blasen platzten um sie herum. Ein weicher Riese lag und ruhte mit seinem Kinn auf einem Stein. Sein Moos war dick und grün wie eine Decke.
– Ich bin Softy, rumpelte er freundlich. Wo geht ihr hin?
– Zum Singenden Berg mit dem Saatgut der Blauen Flamme, sagte Schnurra.
– Dann braucht ihr das, sagte Softy und pflückte eine kleine glitzernde Schuppe von seinem Moos. Du hast sie wahrscheinlich fallen lassen, kleiner Freund.
Schnurra legte die Schuppe auf seinen Bauch. Puff! Ein warmes Wuschen breitete sich aus. Sein Atem wurde golden und weich, wie ein Feuer, das gerade aufwachte.
– Danke, sagte Schnurra und blies einen kleinen warmen Wirbel, der die Blasen in fröhliche Seifenbärenfreunde verwandelte.
Sie gingen weiter zum Spiegelbach, wo das Wasser klar wie Glas war. Eine Seeelfe trat auf eine Seerose, mit Tropfen in ihrem Haar wie kleine Prismen.
– Ich bin Kling, läutete sie. Der Bach spiegelt, was du fühlst. Wenn du lachst, trägt er dich.
Linn kitzelte Schnurra unter dem Flügel. Sie lachten, und der Bach sprudelte. Der Bach kicherte zurück und hob sie auf eine große Seerose, die leicht wie ein Traum glitt. Auf der anderen Seite winkte Kling und warf eine Muschel, die wie eine kleine Glocke klang.
Der Pfad wurde steiler und war gefüllt mit Federsteinen, die hüpften, wenn man darauf trat. Neben einem Tor aus sonnengelben Blütenblättern saß ein Greifküken und polierte seine Adlerfedern.
– Ich bin Gry, piepste es. Was habt ihr dabei?
– Ein Saatgut, das erwachen muss, sagte Linn und hielt die kleine nussbraune Kapsel in ihrer Hand.
– Darf ich eine Geschichte probieren? sagte Gry und lächelte.
Linn erzählte von ihren roten Stiefeln, wie sie in Regenpfützen geplatscht waren und geheime Pfade in ihrem Garten getrampelt hatten. Gry schloss glücklich die Augen, schüttelte ihren Löwenschwanz und öffnete das Tor.
An der Spitze des Singenden Berges roch die Luft nach frisch gebackenen Pfannkuchen. Der Berg summte tief, als ob er wartete. Schnurra legte das Saatgut in eine kleine Mulde. Er holte tief Luft und blies seinen warmen, freundlichen Atem.
Das Saatgut glimmerte. Es knackte wie ein blauer Saphir, der lächelt. Aus dem Boden schoss eine Blume, hoch und hell, mit Blütenblättern wie flammende Wellen. Farben rollten über das Tal: blau wie Beeren, grün wie Moos, gelb wie Lachen.
Die Schmetterlinge bekamen ihre Muster zurück. Die Bäume applaudierten mit ihren Blättern. Kling tanzte in einem Wirbel aus Wassertropfen. Softy lag auf dem Rücken und ließ Hummeln auf seinem Bauch landen.
– Es ist wach, flüsterte Schnurra. Die Wiese des Lichts dankt.
Gry gab Linn eine weiche Feder.
– Für deine Stiefel, sagte sie. Oder für deine Barfußschritte.
Schnurra stupste Linns Hand an.
– Wenn du die Wiese des Lichts wiedersehen willst, komm einfach und blase auf den großen Löwenzahn.
Linn lächelte. Sie kannte den Weg jetzt. Als sie wieder auf ihre Wiese traten, wogten die Butterblumen noch fröhlicher. In ihrer Tasche lagen die Feder und die Muschel. Sie klangen wie Freundschaft, wenn sie sich berührten.
– Tschüss für jetzt, sagte Linn.
– Tschüss bis bald, piepste Schnurra und schnurrte wie eine sonnenwarme Katze.
Und die Wiese wogte weiter, als ob sie sich an ein Lied erinnerte.
Ende
