Jorinde und Joringel
Brüder Grimm

Jorinde und Joringel

Vor langer Zeit gab es einen tiefen, dunklen Wald, in dem die Menschen selten wanderten. In der Mitte dieses Waldes stand ein altes Schloss mit hohen, kalten Türmen. Dort lebte eine Zauberin – manche nannten sie eine Hexe. Am Tag konnte sie wie eine graue Katze aussehen, die durch Schatten schlüpfte, und nachts hörte man sie vielleicht als Käuzchen, traurig von einem Ast rufend. Sie hatte eine grausame Magie: Wenn ein Mensch auf hundert Schritte an ihr Schloss herankam, konnte er oder sie keinen Schritt weitergehen. Die Person würde wie eine Statue erstarren, unfähig zu sprechen oder eine Hand zu heben. Wenn es eine Jungfrau war, verwandelte die Zauberin sie sofort in einen Vogel, meistens eine Nachtigall, und hängte sie in einen Käfig unter viele, viele andere.

Nicht weit von diesem Wald lebte ein junges Paar, das einander innig liebte. Das Mädchen hieß Jorinde, und der junge Mann hieß Joringel. Sie waren verlobt und gingen gerne zusammen durch Wiesen und Wälder spazieren und sprachen über den Tag, an dem sie heiraten würden. Joringel hatte Gerüchte über das Schloss und die Zauberin gehört, und er warnte Jorinde oft: „Wir dürfen niemals zu nah an das alte Schloss kommen. Die Leute sagen, dort passieren seltsame Dinge." Jorinde würde lächeln und es versprechen, aber der Wald war so grün und der Vogelgesang so süß, dass sie an einem sanften Abend tiefer schlenderten, als sie beabsichtigt hatten.

Es war gegen Sonnenuntergang, wenn das Licht golden wird und die Schatten lang werden. Jorinde und Joringel kamen zu einer hübschen Lichtung mit hohen Bäumen ringsum. Jorinde setzte sich auf einen Stein und sang ein sanftes Lied. Joringel lauschte glücklich – bis er einen dunklen Turm bemerkte, der durch die Bäume späht. Sein Herz klopfte. „Jorinde", flüsterte er, „horch – die Wälder sind zu still." Die Singvögel verstummten. Eine Kälte zog über das Gras, und der letzte Sonnenstrahl glitt davon. Sie hatten die Linie überschritten – innerhalb von hundert Schritten vom Schloss.

Plötzlich konnte Joringel sich nicht mehr bewegen. Seine Beine machten keinen Schritt. Seine Arme hingen schwer an seinen Seiten. Er konnte nur schauen und lauschen, sein Herz pochte. Jorinde zitterte und versuchte nach ihm zu greifen, aber bevor sie seinen Namen rufen konnte, trat eine alte Frau hinter einem Baum hervor. Ihre Augen waren scharf, und ihre Stimme zischte wie trockene Blätter. „So", sagte sie, „ein neuer kleiner Vogel für meine Sammlung." Sie winkte mit einer dünnen Hand und murmelte einen Zauber. Im Nu war Jorinde weg, und an ihrer Stelle flatterte eine kleine, braune Nachtigall in der Luft und sang ein ängstliches Lied.

Die Zauberin hob den winzigen Vogel auf, streichelte seine weichen Federn und steckte ihn in ihre Schürze. Joringel wollte rufen, kämpfen, betteln – aber der Zauber hielt ihn stumm und still. Die Zauberin glitt zum Schloss davon. Nach einer kleinen Weile kehrte sie zurück, sprach ein seltsames Wort, und Joringel konnte sich wieder bewegen. Aber Jorinde war weg.

Er suchte zunächst in einem traurigen Dunst, rief ihren Namen und wanderte, bis die Nacht fiel und der Morgen kam und wieder die Nacht. Schließlich verließ er den Wald und ging als Schäfer in einem fernen Dorf arbeiten, obwohl sein Herz im Schatten des alten Schlosses blieb. Eines Nachts träumte er, er stehe auf einer sonnigen Wiese. Im Gras wuchs eine einzige Blume, tiefrot wie ein Blutstropfen, mit einem klaren Tautropfen in ihrer Mitte wie eine Perle. Im Traum flüsterte eine Stimme: „Mit dieser Blume in deiner Hand kannst du Verzauberungen brechen. Mit dieser Blume kannst du deine Liebe befreien." Joringel erwachte mit Hoffnung, die in seiner Brust brannte.

Er machte sich sofort auf, um die Blume aus seinem Traum zu suchen. Er schaute in Hecken und entlang von Bachufern, über Hügel und durch Täler. Er suchte viele Tage, dann Wochen, dann Monate. Er gab nicht auf. Oft dachte er an Jorindes Lachen und ihre freundlichen Augen, und das gab ihm Kraft. Eines frühen Morgens, als der Himmel noch blass war und Vögel gerade zu singen begannen, sah er ein Leuchten im Gras. Da war sie – die Blume aus seinem Traum – Blütenblätter rot wie eine lebende Flamme, und in ihrer Mitte ein heller, glänzender Tropfen. Joringel pflückte sie sanft und hielt sie fest.

Er eilte zurück in den Wald und fand den Weg zum alten Schloss. Als er über den hundertsten Schritt hinausging, spürte er, wie der Zauber versuchte, seine Füße zu fangen – aber er glitt wie Nebel davon. Die Blume beschützte ihn. Er ging direkt bis zum Tor, das immer verschlossen und kalt gewesen war. Er berührte das Eisen mit der roten Blume. Das schwere Tor schwang auf, als hätte es auf ihn gewartet. Drinnen waren dunkle Hallen und lange Treppen. Die Luft roch nach Staub und Federn.

Die Zauberin erschien auf der Treppe, ihre Augen blitzten. Sie schnappte einen Zauber nach ihm, aber Joringel hielt nur die Blume hoch, und ihre Magie verstummte. Sie zischte und versuchte an ihm vorbeizuschlüpfen wie ein Schatten, aber er trat ohne Furcht an ihr vorbei. Türen, die versiegelt waren, öffneten sich bei der Berührung der Blume. Schlösser klickten, Riegel hoben sich, und Schlüssel drehten sich von selbst.

Endlich kam er zu einem hohen Raum mit Fenstern wie schmale Augen. Der Raum war voller Käfige – Hunderte und Hunderte von Käfigen – jeder hielt eine Nachtigall. Ihre winzigen Herzen schlugen schnell; ihre sanften Lieder verschlangen sich zu einem traurigen, schönen Fluss von Klang. Joringel stand ganz still und lauschte. Er kannte Jorindes Stimme so gut wie den Klang seines eigenen Herzschlags. Durch das Gewirr von Musik hörte er sie – eine reine Note, die wie der Morgen aufstieg. Er folgte dieser Note zu einem kleinen Käfig in der Ecke.

Sanft berührte er den Käfig und den Vogel mit der roten Blume. In einem Atemzug flatterte die Nachtigall und verwandelte sich – Flügel wurden Arme, Federn wurden ein einfaches Kleid, und da stand Jorinde, genau so wie sie gewesen war, ihre Augen glänzten vor Tränen. „Joringel!", rief sie, und er nahm sie fest in die Arme. Einen Moment lang konnten sie einander nur halten und der Stille lauschen, die sich zurück in Freude verwandelte.

Die Schritte der Zauberin erklangen im Flur, aber noch immer schwand die Kraft der Blume nicht. Joringel und Jorinde gingen von Käfig zu Käfig. Wann immer sie einen Riegel oder einen Stab mit der Blume berührten, fiel er auf. Wann immer sie einen Vogel mit der Blüte berührten, stand ein Mädchen dort, wo die Nachtigall gewesen war. Der Raum füllte sich mit dankbaren Stimmen. Das dunkle Schloss, so lange still außer dem Ruf einer Eule, hallte wider vom Geschwätz und Lachen befreiter Mädchen.

Als der letzte Käfig offen war, führten Joringel und Jorinde alle hinaus. Die Zauberin konnte nichts tun. Die Türen öffneten sich vor der roten Blume, und das Waldlicht strömte herein. Die Mädchen fanden ihre Familien; der Wald wurde sicherer; und das alte Schloss stand endlich leer und still da.

Jorinde und Joringel gingen zusammen nach Hause und heirateten, wie sie es versprochen hatten. Sie vergaßen nie den Weg, den sie gegangen waren, oder die Blume, die sie gerettet hatte. Und sie vergaßen nie, was sie sicher durch den dunkelsten Teil der Wälder gehalten hatte: ein gehaltenes Versprechen, ein treues Herz und Liebe, die nicht aufgab.

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