Geschichtenbot
Folge den Ameisen
Nia hatte ein kleines rotes Notizbuch, auf dem FAKTEN in glänzenden Aufklebern stand. Sie mochte wahre Dinge – sie zu finden und zu testen, wie eine winzige Wissenschaftlerin in Turnschuhen.
An einem hellen Morgen sah Nia eine Schlange schwarzer Ameisen, die über die warmen Terrassensteine lief. Die Ameisen trugen Krümel und Körnchen, jede marschierte wie ein kleiner Soldat. Nia hockte sich tief hin.
"Hallo, winzige Läufer", flüsterte sie. "Wo geht ihr hin?"
Sie zählte laut. "Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Beine!"
Nia öffnete ihr Notizbuch und schrieb sorgfältig: Ameisen haben sechs Beine. Ameisen laufen in Reihen.
Sie wollte einen neuen Fakt und beschloss, einen Test zu machen. Nia rannte zur Veranda und brachte zwei Deckel von Gläsern zurück. In einen Deckel streute sie eine Prise Zucker. In den anderen brach sie eine winzige Ecke eines salzigen Crackers.
Sie stellte die Deckel in die Nähe der Ameisenstraße, nicht hinein. Sie zeichnete einen Kreidekreis, um sich daran zu erinnern, um die Ameisen herumzutreten wie eine gute Nachbarin.
"Mal sehen, was ihr mögt", sagte Nia. "Das ist mein Experiment." Sie stützte ihr Kinn auf ihre Fäuste und wartete. Warten war schwer. Ihre Knie wackelten. Sie summte ein kleines Lied.
Eine Biene summte über den Blumen. Nia spürte einen Hüpfer im Bauch. Bienen machten sie nervös. Sie nahm einen langsamen Atemzug. "Bienen mögen Blumen", sagte sie zu sich selbst. "Ich bin keine Blume. Sei still." Die Biene sauste weg. Nia lächelte. Mutig und vorsichtig, dachte sie.
Die Ameisen erreichten die Deckel. Sie berührten die Ränder mit zuckenden Fühlern, die wie winzige Fragezeichen aussahen. Eine Ameise ging zum Zucker, dann eine andere, dann vier weitere. Einige probierten den Cracker, aber die meisten winzigen Füße bewegten sich zum süßen Glitzern.
Nia schrieb: Mehr Ameisen wählen süß. Später nochmal versuchen.
Die Ameisenstraße glitt unter dem Zaun hindurch, durch eine niedrige Lücke, wo das Gras einen weichen Tunnel bildete. Nia legte sich auf den Bauch und spähte hindurch. Jenseits des Zauns war eine flache Pfütze mit einem schmalen Brett darüber, wackelig wie ein Balancierspiel.
Nia wollte sehen, wo die Ameisen lebten. Sie spürte ein Ziehen im Bauch. Das Brett sah knifflig aus.
"Ich kann mutig sein wie eine Ameise", sagte Nia. "Kleine Schritte. Erst testen."
Sie stieß mit einem Stock gegen das Brett. Es sank nicht. Sie setzte einen Fuß darauf, dann den anderen, Arme weit ausgebreitet wie Flugzeugflügel. Sie beobachtete ihre Füße und bewegte sich langsam. Das Brett wackelte, aber Nia ging weiter.
Plitsch! Ein Tropfen von einem Blatt platschte in die Pfütze. Sie schaute nicht nach unten. Schritt, Schritt, Schritt – sie schaffte es!
Auf der anderen Seite verschwanden die Ameisen unter einem flachen Stein. Wenn Nia den Atem anhielt und lauschte, glaubte sie, winzige Grasgeräusche zu hören. Sie konnte nicht hineinsehen, aber sie konnte die Tür sehen: einen ordentlichen kleinen Tunnel wie ein Bleistiftloch im Dreck.
Sie malte ein Bild in ihr Notizbuch. Sie machte einen Punkt für die Tür und Pfeile für den Weg. Sie schrieb: Ameisenhaustür unter Stein.
„Studierst du heute etwas Cooles?“ rief Herr Gio, der Nachbar, der eine Schubkarre mit Blumen schob.
„Fakten!“ sagte Nia. „Ameisenfakten. Möchtest du mein Experiment sehen?“
Er lächelte. „Gerne.“
Nia stellte die zwei Deckel wieder auf, ein paar Schritte vom Ameisenpfad entfernt. Zuckerglitzern in einem. Cracker im anderen. Sie saß im Schneidersitz, Hände auf den Knien, wie eine Statuen-Wissenschaftlerin.
„Testen heißt zweimal versuchen“, sagte sie leise zu Herrn Gio. „Um zu sehen, ob es wieder passiert.“
Bald versammelten sich Ameisen um den Zuckerdeckel. Ein paar probierten den Cracker, aber beim Zucker wurde es voll mit winzigen Füßen. Nia schrieb: Test zwei – gleiches Ergebnis.
Sie grinste. „Jetzt glaube ich, es ist ein echter Fakt.“ Sie malte einen Stern neben ihre Notizen.
Der Wind hob Nias Hut an. Er rollte auf das wackelige Brett zu. Nia beeilte sich, schaute aber zuerst auf das Brett.
„Kleine Schritte. Erst testen“, flüsterte sie und stieß wie zuvor gegen das Brett. Es hielt. Schritt, Schritt, Schritt – sie rettete ihren Hut und lachte.
Zurück auf der Terrasse zeigte Nia ihrem Papa ihr rotes Notizbuch. „Ich habe drei Dinge gelernt“, sagte sie stolz. „Ameisen haben sechs Beine. Sie laufen in Reihen. Und sie mögen süß mehr als salzig. Ich habe zweimal getestet.“
Papa gab ihr ein High-Five. „Du warst neugierig und vorsichtig“, sagte er. „Und sehr mutig.“
Nia winkte der Ameisenparade zu. "Danke für die Fakten", sagte sie ihnen. Die Ameisen marschierten weiter und trugen ihre winzigen Krümel wie winzige Helden.
Nia umarmte ihr Notizbuch. „Morgen“, flüsterte sie, „finde ich ein brandneues wahres Ding.“
Ende
