Die wunderbare Reise des Nils Holgersson
Ganz im Süden von Schweden, in Schonen, lebte ein Junge namens Nils Holgersson. Er war gesund und flink, aber er war faul. Er ärgerte die Katze, band Schleifen an den Schwanz des Hahns und ignorierte die Aufgaben, um die ihn seine Eltern baten. Er lachte, wenn die Tiere verängstigt waren, und er dachte nie darüber nach, wie sie sich fühlten.
Eines Sonntags, als seine Eltern in die Kirche gingen, blieb Nils zu Hause und plante, ein Nickerchen zu machen und zu essen. Ein winziger, bärtiger Wichtel – ein Tomte – lugte unter den Dachsparren hervor. Nils hatte von Tomten gehört, die sich um Bauernhöfe und Tiere kümmern, aber er glaubte nicht an sie. Er schnappte sich ein Netz und fing den kleinen Kerl.
"Lass mich gehen", sagte der Wichtel. "Sei höflich zu den Kleinen und Schwachen."
Nils lachte nur und zog an der Mütze des Wichtels.
"Na gut", sagte der Wichtel. "Vielleicht wirst du lernen." Er berührte Nils mit einem Finger so leicht wie ein Strohhalm. In einem Augenblick schrumpfte Nils, bis er nicht größer als ein Daumen war. Der Raum wuchs riesig. Die Augen der Katze leuchteten wie gelbe Monde. Und ein noch seltsameres Wunder – Nils konnte plötzlich die Sprache der Tiere verstehen.
Gerade dann kam ein wilder, klingender Ruf vom Himmel. Eine Schar Wildgänse, angeführt von der weisen Akka von Kebnekaise, flog nach Norden. Unten im Hof streckte der weiße Gänserich des Hofes, Martin, seinen Hals nach ihnen aus. Er hatte immer davon geträumt, frei mit den Wildgänsen zu fliegen.
"Wag es ja nicht!", rief Nils, seine Stimme winzig, aber klar. Er kletterte auf Martins Rücken, um ihn unten zu halten. Martin schlug einmal, zweimal mit den Flügeln, und dann – wusch! – hob er in die Luft ab, mit Nils, der sich an seinen Hals klammerte. Die Wildgänse lachten.
"Lass den Zahmen mitkommen", rief Akka. "Wenn er mithalten kann."
So begann die Reise. Der Wind pfiff in Nils' Ohren. Felder und Dörfer glitten vorbei wie eine gemalte Landkarte. Schonens Flickenteppich aus Grün und Gold wandelte sich in dunkle Wälder, glitzernde Seen und steinige Küsten. Nils' Herz pochte vor Angst, Staunen und etwas Neuem – Freude.
Die Schar reiste bei Tag und ruhte bei Nacht auf einsamen Inselchen und sumpfigen Ufern. Sie erfuhren, dass ein Fuchs namens Smirre unten lauerte, bereit, eine Gans zu schnappen, wenn er konnte. Eines dämmrigen Abends schlich Smirre nah an den Schlafplatz der Gänse. Nils sah das Blitzen seiner Augen und schlug mit einem Weidenzweig auf einen Stein. "Auf! Auf!", rief er in der Sprache der Tiere. Flügel donnerten. Wasser spritzte. Smirres Pfoten trafen nur kalte Wellen. Von dieser Nacht an sah Akka Nils mit Respekt an.
Sie überquerten Smålands steinige Felder und Östergötlands breite Gewässer. Nils lauschte Kranichen, die von langen Wegen erzählten, Eichhörnchen, die über Eichen plauderten, und alten Steinen, die von den Menschen summten, die Brücken und Türme gebaut hatten. Er begann das Land zu lieben, das er vom Boden aus nie wirklich gesehen hatte.
Auf dem windgepeitschten Alvar der Insel Öland tanzten Vögel ein Frühlingsfest. Sogar Martin schritt stolz zwischen den Wildgänsen. Aber Smirre Fuchs war gefolgt, schlau und geduldig. Er versammelte andere scharfzahnige Jäger, um die Schar zu fangen. Nils flüsterte den Eulen und Krähen zu, die Fuchstricks hassten. Als Smirre hereinstürmte, stießen die Nachtvögel herab und hackten. Die Gänse erhoben sich sicher, und Smirre schlich davon, die Ohren klingelnd und der Schwanz staubig.
An einer felsigen Küste fand Nils eine kleine graue Gans namens Daunenfein, zitternd und allein. Sie war von ihren Schwestern schikaniert und von grausamen Vögeln gejagt worden. Martin stellte sich groß zwischen sie und die Gefahr. "Flieg mit uns", sagte er. Daunenfein hob ihren tapferen kleinen Kopf und schloss sich der Schar an. Von diesem Tag an waren Martin und Daunenfein nie weit voneinander entfernt, und Nils fühlte sich stolz auf seinen freundlichen Freund.
Weiter und weiter nach Norden flogen sie, bis die Nächte hell wie Silber waren und die Tage nie endeten. In Lappland nisteten Akka und die Schar zwischen niedrigen Bergen und breiten Flüssen. Nils lernte, Eier vor herumstreichenden Wieseln zu bewachen und Gänseküken mit sanften Worten zu beruhigen. Er half einem verlorenen Rentierkalb, seine Herde zu finden, mit einem Sami-Jungen, der mit den Jahreszeiten zog. Er tauschte sogar sein einziges kostbares Geldstück, um einen gefangenen Vogel zu befreien. Er tat diese Dinge, ohne an Belohnung zu denken. Er war nicht mehr der Junge, der an Schwänzen zog und lachte.
Der Sommer verging wie ein strahlender Traum. Nils saß mit Akka auf einem Bergrücken und fuhr die Linie von Schweden mit seinem Finger nach – die Felder des Südens, die Wälder der Mitte, die raue Schönheit des Nordens. "Du hast jetzt ein gutes Herz", sagte Akka. "Aber denke daran, ein gutes Herz muss weiter arbeiten."
Als der Herbst die Hügel mit Rot und Gold überzog, erhoben sich die Wildgänse aus Lappland und wandten sich nach Süden. Smirre Fuchs, dünner und hungriger, erschien wieder. An einem breiten, kalten Fluss sprang er von Fels zu Fels auf die ruhende Schar zu. Nils schwenkte seine Mütze und rief den Bibern zu. Sie schlugen mit ihren Schwänzen, und Wellen waschen über die Felsen. Smirre rutschte aus und platschte ins eisige Wasser. Die Gänse erhoben sich lachend, und Smirre, durchnässt und wütend, gab seine Jagd schließlich auf.
Endlich breiteten sich die Felder von Schonen unten aus wie ein willkommener Steppdecke. Nils sah das Bauernhaus seiner Eltern, klein und vertraut, und seine Kehle wurde eng. Er liebte den Himmel, den Wind und seine Freunde. Er sehnte sich auch danach, auf seiner eigenen Türschwelle zu stehen und mit seiner eigenen Stimme zu sprechen.
Aber dort wartete Gefahr. Nils' Eltern, die die Sprache der Tiere nicht hören konnten, hatten beschlossen, den weißen Gänserich für ein Festmahl zu braten. Martin wurde gefangen und gebunden, und Daunenfein flatterte und weinte. Der winzige Nils zerrte mit aller Kraft am Knoten und rief: "Halt! Er ist mein Freund!" Niemand hörte ihn. Seine Mutter schob ihn beiseite, ohne ihn zu sehen.
Nils rannte in die schattige Ecke der Scheune, wo der Wichtel angeblich lebte. Er klopfte an die kleine Tür und verbeugte sich. "Bitte", flüsterte er, "ich war faul und grausam, aber ich habe gelernt. Verschone Martin. Lass mich ich selbst sein, damit ich mich um meine Eltern und unsere Tiere kümmern kann."
Der Wichtel erschien, die Augen hell wie Sterne unter seiner Mütze. "Was hast du auf der Reise gelernt, Nils Holgersson?"
Ende
