H.C. Andersen
Die wilden Schwäne
Einst, in einem weit entfernten Königreich, hatte ein König elf Söhne und eine Tochter. Der Name der Tochter war Elisa, und sie war so freundlich wie tapfer. Ihre Brüder liebten sie sehr, und sie liebte sie mit ihrem ganzen Herzen zurück.
Nachdem die Königin, ihre Mutter, gestorben war, heiratete der König erneut. Die neue Königin sah wunderschön aus, hatte aber ein kaltes Herz und einen Geist voller böser Magie. Sie konnte die Liebe, die die Familie teilte, nicht ertragen. Sie flüsterte dem König Lügen zu und schmiedete Pläne gegen die Kinder.
Eines Tages, als der König weg war, sprach die neue Königin einen Zauber über die elf Prinzen. In einem Wirbel aus Federn und einem Schrei des Kummers verwandelten sie sich in wilde Schwäne. Mit rauschenden Flügeln erhoben sie sich in den Himmel und flogen fort von ihrem Zuhause. Als der König zurückkehrte, tat die Königin so, als würde sie weinen, und sagte, die Jungen seien weggelaufen. Sie schickte Elisa weit weg vom Schloss, in der Hoffnung, die Welt würde sie vergessen.
Elisa wuchs sanft und stark auf dem Land auf. Als sie endlich zurückkehren durfte, versuchte die Königin einen letzten Trick. Sie gab Elisa ein seltsames Bad und beschmierte sie mit dunklen Flecken, damit der König sein eigenes Kind nicht erkennen würde. Aber Elisas Güte schien hindurch, und die Flecken fielen ab. Dennoch verwirrten die Lügen der Königin den König, und Elisa verließ den Palast, um allein zu wandern.
Sie ging in einen tiefen Wald und schlief in einem Bett aus weichen Blättern. Am Morgen erzählte ihr eine alte Frau an einer Quelle: "Ich sah elf wilde Schwäne bei Sonnenuntergang über das Meer fliegen. Jeder trug eine glänzende Krone auf dem Kopf."
Elisa eilte zum Ufer. Den ganzen Tag wartete sie bei den Wellen. Als die Sonne das Wasser berührte, kamen elf große Schwäne angeglitten. Im Moment, als die Sonne verschwand, schmolzen die weißen Federn der Schwäne dahin, und da standen ihre Brüder, wieder junge Männer. Die Nacht machte sie zu Menschen; der Tag machte sie zu Schwänen.
Sie umarmten Elisa und erzählten ihr von der felsigen Insel, auf der sie lebten. "Wir dürfen nur Menschen sein, wenn die Sonne ruht", sagte der Älteste. "Bei Tag müssen wir fliegen." Elisa wollte mit ihnen gehen. Die Brüder machten ein starkes Netz aus Weidenrinde, und im Morgengrauen nahm jeder eine Ecke in seinen Schnabel und hob sie in den Himmel. Sie sah das Meer unter ihnen wie Silber glänzen. Am Mittag ruhten sie auf einem einsamen Felsen draußen in den Wellen. Am Abend erreichten sie ihre Insel mit ihren Höhlen und steifen Meereswind-Gräsern.
In jener Nacht, als die Brüder schliefen, träumte Elisa, dass eine gute Fee bei ihr stand. Die Fee sagte: "Es gibt einen Weg, den Zauber zu brechen. Du musst Brennnesseln sammeln, die auf Friedhöfen und an wilden Klippen wachsen. Zerquetsche sie mit deinen Händen und spinne die Fasern zu Faden. Stricke elf Hemden mit langen Ärmeln – eines für jeden Bruder. Während du arbeitest, darfst du nicht sprechen. Du darfst nicht einmal lachen. Wenn du ein einziges Wort äußerst, bevor die Hemden fertig sind, wird der Zauber für immer bleiben. Denke daran: Dein Schweigen ist ihre Hoffnung."
Elisa erwachte mit einem Herzen voller Mut. Sie fand die grausamen Brennnesseln, die zwischen grauen Steinen wuchsen. Die Pflanzen verbrannten ihre Finger und ließen ihre Haut Blasen werfen, aber sie arbeitete weiter. Bei Tag sammelte und zerquetschte und spann sie; bei Nacht, wenn ihre Brüder Menschen waren, strickte sie, und sie wachten über sie in stiller Liebe.
Eines Nachmittags kam ein junger König auf der Inselküste zur Jagd. Er sah Elisa zwischen den Brennnesseln sitzen, ihre Hände wund, ihre Augen hell und tapfer, ihren Schoß voller grünem Faden und halb fertigen Ärmeln. Er sprach freundlich zu ihr, aber sie antwortete nicht. Sie presste nur ihre Lippen zusammen und verbeugte sich. Da er dachte, sie sei ein Mädchen, das vor Kummer verstummt war, hob der König sie sanft auf sein Pferd und brachte sie zu seinem Schloss, wobei er versprach, sie sei sicher.
Der Hof war geblendet von Elisas Schönheit, aber einige trauten ihrem Schweigen nicht. Der Erzbischof flüsterte: "Sie sammelt Brennnesseln vom Kirchhof und will nicht sprechen. Solche Dinge sind Zeichen einer Hexe." Der König glaubte es nicht. Er gab ihr ein ruhiges Zimmer mit einem Fenster, und dort arbeitete sie jeden freien Augenblick, spann und strickte, strickte und spann, ihre Finger schmerzten und ihr Herz war fest.
Elisa brauchte mehr Brennnesseln, als die Gärten geben konnten, also schlich sie nachts zum Kirchhof. Die Pflanzen brannten wie Feuer, aber dennoch sammelte sie sie. Der Erzbischof beobachtete es und wurde ängstlich. Er drängte den König, über sie zu richten. Die Leute murmelten. Sie verstanden nicht, dass Schweigen voller Liebe sein kann.
Elisa hielt ihr Gelübde. Hemd um Hemd, Ärmel um Ärmel näherte sie sich dem Ende. Nur ein letztes Hemd blieb – nur noch ein Ärmel zu vollenden. Aber das Murmeln wurde zu Rufen, und das Gesetz war hart. Die Leute zerrten sie weg, um als Hexe bestraft zu werden. Selbst dann sprach sie nicht, denn ein einziges Wort würde ihre Brüder für immer verdammen.
Am Morgen des schrecklichen Tages setzten sie sie auf einen Karren und führten sie durch die Straßen. In ihrem Schoß lagen die elf Hemden, die sie gemacht hatte, alle bis auf eines fertig. Die Menge johlte; der Erzbischof betete laut. Der König, hin- und hergerissen zwischen Liebe und den Forderungen seines Volkes, ritt mit kummervollem Herzen.
Dann, weit oben, kam ein Geräusch wie ein Sturm aus weißen Flügeln. Elf Schwäne fegten vom Himmel herab. Die Sonne sank. Ihr letzter roter Rand berührte die Dächer.
Elisa stand auf, ihre Augen blitzten vor Hoffnung. Im Moment, als die Sonne entglitt, fielen die Federn der Schwäne, und ihre Brüder standen vor ihr als Männer. Mit flinken Händen warf Elisa ein Brennnesselhemd über jeden von ihnen. Als jedes Hemd auf die Schultern eines Bruders fiel, brach der Zauber mit einem sanften Schaudern, und die wilde Anmut der Vögel wandelte sich zurück in menschliche Stärke. Sie erreichte den letzten Bruder – ein Ärmel fehlte noch. Das Hemd bedeckte ihn, und er war befreit, aber sein rechter Arm blieb ein starker weißer Schwanenflügel, ein Zeichen ihrer Arbeit, die fast, aber nicht ganz rechtzeitig getan war.
In genau jenem Augenblick endete Elisas Gelübde. Ihre Stimme kehrte zurück wie ein Lied nach langem Winterschweigen. "Ich bin unschuldig", rief sie. "Meine Brüder waren verzaubert. Ich konnte nicht sprechen, bis ich den Zauber gebrochen hatte. Diese Hemden, gemacht aus brennenden Nesseln und meinem Schweigen, haben sie gerettet."
Der König sprang von seinem Pferd und eilte an ihre Seite. Die Leute ließen ihre Fackeln fallen und wurden still. Der Erzbischof senkte den Kopf, beschämt über seine Angst. Die Brüder erzählten ihre Geschichte. Der Wind schien jedes grausame Flüstern fortzutragen.
Der König bat Elisa um Vergebung und setzte eine Krone aus Rosen auf ihr Haar. Das ganze Königreich jubelte. Bald darauf läuteten die Hochzeitsglocken, und Elisa wurde Königin. Ihre Brüder blieben an ihrer Seite – der eine mit dem Schwanenflügel so tapfer wie jeder mit zwei Händen – und sie alle lebten im Licht von Liebe und Wahrheit. Kein Zauber war stärker als Elisas Mut, ihre Freundlichkeit und ihr still gehaltenes Versprechen.
Ende
