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Die Schöne und das Biest

Charles Perrault

Die Schöne und das Biest

In einer kleinen Handelsstadt lebte ein Mädchen namens Belle. Sie liebte Bücher, Fragen und Spaziergänge im Wald. Ihr Vater war ein freundlicher Kaufmann, obwohl er oft auf Reisen war. Einmal, nachdem er fast alles in einem Sturm verloren hatte, zogen sie in eine einfache Hütte am Waldrand. Belle beklagte sich nicht. Sie backte Brot, holte Wasser und sang, um die Hoffnung am Leben zu erhalten. Als ihr Vater wieder reiste, bat sie nur um ein einfaches Geschenk: eine rote Rose.

Die Reise wurde lang, und das Wetter wurde tückisch. Schnee fiel schwer, und der Wind heulte. Gerade als ihr Vater dachte, er würde erfrieren, erschien ein Schloss durch den dichten Nebel. Die Tore standen offen. Drinnen brannten Feuer warm, Essen war aufgetischt, und weiche Decken warteten, als ob unsichtbare Hände sich um alles gekümmert hätten. Niemand war irgendwo zu sehen. Er aß ein wenig, schlief ein und dankte still seinem unsichtbaren Gastgeber.

Am Morgen entdeckte er einen Garten, in dem Rosen inmitten des Schnees blühten. Er erinnerte sich an Belles Wunsch und pflückte vorsichtig eine Rose. Plötzlich bebte der Boden, und aus den Schatten trat eine Kreatur mit glühenden Augen und einer Stimme wie Donner. "Du stiehlst meine Rosen", sagte das Biest, "das Einzige, das in meiner Dunkelheit noch duftet." Belles Vater fiel auf die Knie und erklärte, dass die Rose für seine Tochter sei. Der Blick des Biestes wurde weicher, aber die Stimme blieb rau. "Ich verlange nicht dein Leben. Aber derjenige, der dich liebt, darf wählen, an deiner Stelle hierher zu kommen. Nicht durch Zwang – sondern aus eigenem freiem Willen."

Belles Vater bekam einen Ring, der den Weg zurück weisen konnte. Zu Hause erzählte er verzweifelt alles. Belle legte ihre Hand über seine. "Du bist mein Vater. Ich wähle zu gehen", sagte sie, und ihre Stimme zitterte nicht.

Als Belle ankam, öffneten sich die Tore leise. Eine warme Stimme sprach aus der Luft: "Willkommen, Belle. Du bist ein Gast, keine Gefangene." Das Biest trat vor – groß wie ein Bär, mit Klauen wie Messer – aber es stand in einiger Entfernung und senkte den Blick, um sie nicht zu erschrecken. Es bat sie, jeden Abend mit ihm zu speisen, und es zeigte ihr einen riesigen Bibliothekssaal, in dem die Bücher nach Abenteuer rochen. Im Garten blühten Rosen in allen Farben.

Tage wurden zu Wochen. Belle las laut vor, und das Biest hörte zu. Sie gingen in dem verzauberten Garten spazieren, wo Lampen von selbst leuchteten und Musik aus dem Nichts spielte. Das Biest war ungeschickt, aber sanft, schnell bereit, sich zu entschuldigen, langsam im Lächeln. Es lag eine stille Wärme in seinen Worten, wie ein Feuer, das erst sanft brennen will.

Jeden Abend, als die Sterne erschienen, fragte das Biest mit feierlichem Ernst: "Belle, wirst du für immer hierbleiben?" Belle antwortete ehrlich: "Ich mag dich, mein Freund, aber ich bin nicht bereit." Das Biest nickte. "Danke, dass du die Wahrheit sagst."

Eines Tages holte es einen Spiegel hervor, der wie Wasser schimmerte. "Dies zeigt, was du vermisst", sagte es. Belle sah ihren Vater, blass und krank. Ihr Herz schmerzte. "Geh zu ihm", sagte das Biest. "Trage diesen Ring. Denk an das Schloss, wenn du ihn drehst, und du wirst den Weg zurück finden. Versprichst du, innerhalb von sieben Tagen zurückzukehren?" Belle drückte seine Pfote. "Ich verspreche es."

Zu Hause pflegte sie ihren Vater, bis sein Fieber sank. Die Geschwister stellten tausend Fragen. Tage verschwammen zu Abenden, und das Versprechen brannte in Belles Brust. In der siebten Nacht blies der Wind hart. Belle hob den Spiegel – und sah das Biest still beim Rosenbusch liegen, als ob alle Kraft aus ihm gewichen wäre.

Sie drehte den Ring und flüsterte: "Bring mich nach Hause zum Schloss." Die Luft zitterte, und sie stand im frostigen Garten. "Ich bin hier!", rief sie und fiel an der Seite des Biestes auf die Knie. "Vergib mir, dass ich mich verspätet habe. Bitte, verlass mich nicht!"

"Ich wollte nur mein Wort halten", flüsterte das Biest schwach. Belle legte ihre Hand auf sein Herz. "Ich sehe, wer du bist, nicht wie du aussiehst. Ich... Ich liebe deinen Mut, deine Freundlichkeit und deine Wahrheit."

Da brach die Dämmerung über den Turmspitzen des Schlosses an. Licht wirbelte um sie herum. Das Fell des Biestes schmolz dahin und wurde zu einem Umhang; seine Klauen verwandelten sich in Hände, und vor Belle stand ein junger Prinz mit denselben warmen Augen. Das Schloss erwachte: Lachen hallte wider, Vorhänge flatterten auf, und der Zauber brach endlich. "Einst war ich arrogant", sagte der Prinz sanft. "Eine alte Magie band mich, bis jemand mein Herz sah. Du hast es gesehen."

Belle lächelte unter Tränen. Sie entschied sich zu bleiben, nicht aus Angst, sondern aus Freundschaft und Hoffnung. Zusammen öffneten sie die Bibliothek für alle, die lesen wollten, und pflanzten einen Rosengarten, in dem jeder Busch den Namen einer guten Tat trug. Und jedes Mal, wenn eine neue Rose blühte, erinnerten sie sich: Wahre Schönheit lebt nicht in Spiegeln, sondern in Herzen, die es wagen, mutig und freundlich zu sein.

Ende

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