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Die Schneekönigin

H.C. Andersen

Die Schneekönigin

Vor langer Zeit schuf ein böser Kobold einen Zauberspiegel, der alles Gute in etwas Hässliches verdrehte. Schöne Dinge sahen verfault aus, freundliche Gesichter wirkten grausam, und Freude erschien albern. Eines Tages rutschte ihm der Spiegel aus den Händen, fiel vom Himmel und zersplitterte in eine Million scharfe Splitter. Einige winzige Stücke wehten über die Welt. Wenn ein Splitter in jemandes Auge flog, sahen sie nur das Schlechte in allem. Wenn ein Splitter ein Herz erreichte, wurde dieses Herz kalt wie Eis.

In einer großen Stadt lebten zwei Kinder, Gerda und Kay. Sie waren Nachbarn, die von einem Dachbodenfenster zum anderen steigen konnten, wo sie kleine Gärten in Holzkisten pflegten. Ihre Rosen kletterten an den Kisten empor und nickten einander über die Dachrinne zu. Im Sommer saßen sie zwischen den Blättern, lasen und redeten. Im Winter schauten sie durch vereiste Scheiben und erzählten Geschichten. Gerdas Großmutter erzählte ihnen von der Schneekönigin, die den Himmel ritt und die Schneeflocken regierte.

Eines Wintertages wirbelten die winzigen Splitter vom Spiegel des Kobolds durch die Straßen. Ein Stück flog in Kays Auge. Ein anderes stach in sein Herz. Sofort veränderte er sich. Er lachte über die Rosen und brach ihre Köpfe ab. Er neckte Gerda und sagte, die Schneeflocken seien besser als Blumen, weil jede perfekt und scharf sei. Als die ersten Schlitten über den Schnee ratterten, band er seinen kleinen Schlitten an einen prächtigen Schlitten, der von einer großen Frau in weißem Pelz gefahren wurde. Ihre Augen leuchteten wie Eis, und die kalte Luft um sie herum biss sie überhaupt nicht. Es war die Schneekönigin.

Die Schneekönigin zog Kay aus der Stadt und in die weißen Felder. Sie küsste ihn auf die Stirn, und der Kuss fühlte sich kälter an als der Winter. Sie küsste ihn erneut, und er vergaß Gerda, sein Zuhause und die Rosen. Sie hob ihn in ihren Schlitten, und fort flogen sie, höher und weiter, in Richtung Norden und zu den glitzernden Lichtern ihres Palastes.

Als Kay nicht zurückkehrte, flüsterten die Leute, er sei in den Fluss gefallen. Gerda wollte es nicht glauben. Sie brachte ihre besten Schuhe zum Fluss als Geschenk und fragte: "Hast du meinen Freund genommen?" Der Fluss schaukelte die Schuhe zurück, als ob er nein sagte. Gerda kletterte in ein kleines Boot, um deutlicher zu sprechen, aber das Seil rutschte ab, und die Strömung trug sie davon.

Der Fluss brachte sie zu einem kleinen, sonnenbeschienenen Haus. Eine alte Frau mit einem breiten Hut, bemalt mit Blumen, hieß Gerda willkommen, kämmte ihr Haar und fütterte sie mit süßen Kirschen. Die alte Frau liebte Blumen so sehr, dass sie ihren Garten wie im Sommer blühen ließ, obwohl es nicht Sommer war. Sie wünschte sich, Gerda zu behalten, und ohne böse Absicht ließ sie Gerda Kay vergessen. In jenem Garten wuchs jede Blume – außer Rosen.

Tage vergingen. Die Blumen erzählten ihre eigenen Geschichten, aber keine wusste von Kay. Eines Morgens bemerkte Gerda eine Rose, die auf dem Hut der alten Frau gemalt war. Es zerrte an ihrem Herzen. "Wo sind die Rosen?", rief sie. Sie rannte durch den Garten, bis sie einen Rosenbusch fand, der vom Pfad verborgen war. Der Anblick der Rosen brachte alles zurück – ihre Blumenkästen, ihren Freund und ihr Versprechen, ihn zu finden. Gerda dankte den Blumen, schlich sich davon und rannte weiter.

Sie kam zu einem dunklen Wald und traf eine hilfsbereite Krähe. "Krah!", sagte die Krähe. "In der Stadt in der Nähe hat eine weise Prinzessin einen klugen Jungen geheiratet. Vielleicht ist er dein Kay." Mit der Krähe und ihrer zahmen Krähendame schlich Gerda in jener Nacht in den Palast. Sie spähte auf den schlafenden Prinzen. Er war freundlich, aber er war nicht Kay. Der Prinz und die Prinzessin hörten Gerdas Geschichte und hatten Mitleid mit ihr. Sie gaben ihr warme Kleider, einen kleinen Muff und eine goldene Kutsche für den Weg.

Nicht lange danach stürzten Räuber aus dem Wald und beschlagnahmten die Kutsche. Ihre Messer blitzten, und ihr Lachen war laut. Die Wildeste war ein kleines Räubermädchen mit scharfen Augen. Sie behielt Gerda für sich, nicht um ihr zu schaden, sondern um eine Gefährtin zu haben. In der Halle der Räuber, zwischen knurrenden Hunden und gebratenem Fleisch, erzählte Gerda ihre Geschichte erneut. Das kleine Räubermädchen mochte tapfere Geschichten. "Kay im Palast der Schneekönigin?", sagte sie. "Ich habe ein Rentier aus Lappland, das den Weg in den Norden kennt. Ich werde dich gehen lassen."

In jener Nacht befreite sie Gerda und das Rentier. Sie wickelte Gerda in einen Pelzumhang und steckte Brot und Schinken in eine Tasche. "Geh schnell", flüsterte sie. "Ich möchte eines Tages auch die Welt sehen."

Das Rentier rannte über gefrorene Seen und verschneite Hügel, bis sie eine winzige Hütte in Lappland erreichten. Eine Lappen-Frau las die Nachricht des Räubermädchens, die auf einen getrockneten Fisch geschrieben war, wärmte Gerda am Feuer und schickte sie weiter zu einer weisen Frau in Finnland. Die Finnin hörte zu, wischte Schweiß von ihrer Stirn, obwohl die Luft eisig war, und sagte: "Kay ist bei der Schneekönigin und spielt mit scharfen Eisstücken. Er denkt, es ist das schönste Spiel. Der Splitter in seinem Herzen und Auge hält ihn fest. Ich kann dir keine stärkere Magie geben. Du hast bereits die größte Macht – dein unschuldiges Herz, deine Liebe und dein Gebet."

So trug das Rentier Gerda zum Palast der Schneekönigin, einem Ort aus Wind und gleißendem Licht, mit Hallen aus endlosem Schnee und Böden aus glänzendem Eis. Die Schneeflocken dort waren wie lebende Wachen – große weiße Bienen, Wölfe und Speere aus Frost. Gerda faltete ihre Hände und sang das kleine Lied, das sie und Kay immer bei den Rosen gesungen hatten. Ihr warmer Atem wurde zu hellen Engeln, die um sie herum tanzten und die Schneeflockenwachen zerschmetterten.

In der höchsten, kältesten Halle saß Kay allein. Er war blau vor Kälte, doch er fühlte es nicht. Er ordnete Eisstücke zu Formen an und versuchte das Wort zu bilden, das die Schneekönigin ihm gesagt hatte – "Ewigkeit". Sie hatte gesagt, dass, wenn er dieses Wort formen könnte, sie ihm die ganze Welt und ein neues Paar Schlittschuhe geben würde. Kays Auge glitzerte vor hartem Eis, und sein Herz war ein Klumpen Frost.

"Kay!", rief Gerda und rannte zu ihm. Sie warf ihre Arme um seinen Hals und sang das Rosenlied erneut. Ihre Tränen fielen heiß auf seine Brust. Sie flossen hindurch zu seinem Herzen und schmolzen den gefrorenen Splitter. Kay begann auch zu weinen, und als seine Tränen liefen, wurde die Scherbe in seinem Auge herausgewaschen. Er blinzelte und sah Gerda endlich wahrhaftig. "Gerda! Wo war ich? Wie lange ist es so kalt gewesen!", sagte er.

Als sie zusammen lachten und weinten, rasselten die Eisstücke und rutschten ganz von selbst an ihren Platz. Sie buchstabierten "Ewigkeit", und der Zauber, der Kay hielt, brach. Als die Schneekönigin zurückkehrte, fand sie nur eine leere Halle und ein vollendetes Rätsel.

Das Rentier trug Gerda und Kay südwärts. Sie hielten wieder bei der Finnin und der Lappen-Frau, die ihnen alles Gute wünschten. Im Wald traf sie das Räubermädchen, das auf einem Pony ritt, mit einem scharfen Messer am Gürtel. Sie grinste Gerda an. "Du hast ihn gefunden! Gut. Jetzt werde ich gehen und die Welt sehen!", rief sie, und davon galoppierte sie.

Endlich erreichten Gerda und Kay ihre Stadt. Die Dächer waren dieselben, die Fenster waren dieselben, und die Rosen blühten in ihren Kästen wieder. Sie kletterten in ihren alten Dachboden und setzten sich zu den Blumen. Sie waren weit gereist und in ihren Herzen gewachsen, doch als sie einander ansahen, waren sie immer noch dieselben Kinder, die die Rosen und die Geschichten liebten. Sie wussten nun, dass die wärmste Magie von allen ein treuer, liebender Freund ist.

Ende

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