Brüder Grimm
Die Nixe im Mühlteich
Vor langer Zeit stand eine Mühle neben einem tiefen, schimmernden Teich. Das Wasser drehte das Rad, aber der Müller und seine Frau waren arm. Eines Morgens ging der Müller, um seine Netze zu prüfen, und fand sie leer. Als er in das dunkelgrüne Wasser starrte, begann es sich zu kräuseln. Aus dem Teich erhob sich eine große Frau mit Haaren wie tropfendes Unkraut und Augen so klar wie Glas. Sie war die Nixe des Mühlteichs.
"Warum seufzt du?", fragte die Nixe sanft.
"Ich arbeite und arbeite, doch habe ich nichts", sagte der Müller.
"Ich kann dich reich machen", sagte die Nixe. "Gold wird in deinen Truhen klappern und Getreide wird aus deinen Säcken quellen. Versprich mir nur, was gerade in deinem Haus geboren wurde."
Der Müller fühlte einen Schauer, aber dachte: Sicherlich ist es ein Kätzchen oder ein Welpe. Er nickte. Die Nixe lächelte, sank ins Wasser, und der Teich wurde still.
Als der Müller nach Hause eilte, wiegte seine Frau einen neugeborenen Sohn. Das Herz des Müllers wurde schwer wie ein Stein. "Was habe ich getan?", rief er. Aber es war zu spät. Von jenem Tag an blühte die Mühle auf. Getreide stapelte sich hoch, und Geld klimperte in den Schubladen. Der Müller versuchte, sein Versprechen zu vergessen, aber das Jahr dreht sich immer, und Jungen wachsen immer.
Das Kind wurde ein guter und sanfter junger Mann. Er lernte zu jagen und das Horn zu spielen, und er liebte ein tapferes, freundliches Mädchen aus dem Dorf. Jeder warnte ihn, niemals in die Nähe des Mühlteichs zu gehen. Er gehorchte – bis er eines heißen Tages einen Hirsch nah an den Rand des Wassers jagte. Seine Hände und sein Gesicht waren staubig, und der Teich sah so kühl aus. Er kniete sich hin zum Waschen, und blitzschnell reichten zwei bleiche Arme hoch, zogen ihn unter, und das Wasser schloss sich über seinem Kopf. Die Nixe hatte ihren Anteil genommen.
Der junge Mann kehrte nicht zurück. Seine Liebste wartete und weinte. Sie saß Tag für Tag beim Teich, rief seinen Namen, aber nur Schilf antwortete mit Flüstern. Eines Abends, als das Licht golden wurde, trat eine alte Frau mit hellen Augen und einem Gehstock aus den Bäumen.
"Warum weinst du, Kind?", fragte sie.
"Die Nixe hat den gestohlen, den ich liebe", sagte das Mädchen. "Ich werde nie aufhören, nach ihm zu suchen."
"Dann hör zu", sagte die alte Frau. "Treues Herz, du sollst eine Chance haben. Tu genau, wie ich sage." Aus ihrem Bündel nahm sie drei Dinge: einen goldenen Kamm, der wie Sonnenlicht glänzte, eine goldene Flöte, die wie Mondlicht glühte, und ein goldenes Spinnrad, fein wie ein Spinnennetz. Sie gab dem Mädchen auch ein kleines Quadrat aus weißem Stoff.
"Geh bei Vollmond zum Teich", wies die alte Frau an. "Wenn der Mond aufgeht, sitz am Ufer und kämme dein Haar mit diesem goldenen Kamm. Das Wasser wird ruhig werden, und die Nixe wird ihren Griff lockern. Dein Geliebter wird aufsteigen. Wenn du ihn nicht halten kannst, kehre beim nächsten Vollmond zurück und spiele die Flöte. Wenn du wieder scheiterst, komm ein drittes Mal und spinne am Rand des Wassers. Und wenn du seine Hand in deine bekommst, renn mit ihm zu diesem weißen Stoff. Leg ihn auf den Boden und tritt darauf – kein Wassergeist kann jene Grenze überqueren."
Das Mädchen dankte ihr und wartete auf den Vollmond. Als er kletterte, rund und hell, saß sie beim Teich und zog den goldenen Kamm durch ihr Haar. Das Wasser, das immer wirbelte und schwappte, wurde glatt wie Glas. Eine kleine Welle hob sich, und daraus stieg der junge Mann, bleich, aber lächelnd, und reichte raus. Das Mädchen sprang vorwärts – aber die Nixe blitzte auf wie ein grüner Schatten, schnappte ihn zurück, und der Teich erzitterte und schluckte sie beide.
Das Mädchen gab nicht auf. Sie kehrte beim nächsten Vollmond zurück. Sie hob die goldene Flöte und spielte. Musik wie Silberfäden trieb über den Teich. Das Schilf wiegte sich; die Frösche verstummten. Das Wasser hob sich wieder, und der junge Mann stieg höher, seine Hand so nah, dass sie ihre Wärme fühlte. Sie griff zu – aber die Nixe zischte, eine kalte Gisch brach ihren Halt, und hinunter ging er.
Der dritte Vollmond kam. Das Mädchen setzte das goldene Spinnrad an den Rand des Wassers und zog glänzenden Flachs heraus. Als sie spann, summte der Faden wie Bienenflügel, und das Rad sang sanft. Der Teich beruhigte sich. Der junge Mann stieg aus den Tiefen, näher als zuvor, seine Augen klar und Atem in seiner Brust. Das Mädchen fing seine Hand mit all ihrer Kraft, sprang auf ihre Füße und rannte. Hinter ihr wogte und rauschte das Wasser, aber sie schleuderte den weißen Stoff auf den Boden und zog ihn darauf. Die Welle schlug gegen den Rand und fiel zurück. Die Nixe konnte nicht kreuzen.
Ein langer, schrecklicher Schrei kam vom Teich. Das Wasser häufte sich auf und sprengte seine Ufer, brüllend hinter ihnen her. Das Mädchen und der junge Mann rannten Hand in Hand, aber die Flut war schneller. Eine riesige Welle erhob sich zwischen ihnen wie eine Mauer. Sie hob den jungen Mann und trug ihn weg zu einem fernen Berg. Sie fegte das Mädchen in einen dunklen Wald. Als die Wasser sanken und die Welt ruhig wurde, waren sie weit getrennt und wussten nicht, wohin der andere geworfen worden war.
Das Mädchen band ihre Schuhe fester und machte sich auf, ihn zu finden. Sie ging, bis ihre Füße schmerzten und die Straßen wechselten von Staub zu Steinen und wieder zurück. Sie durchquerte Felder und Städte, schlief unter Hecken und in Scheunen und fragte jeden Reisenden: "Hast du einen Jägersmann gesehen, dessen Lächeln wie Sonnenaufgang ist?" Zeit verging. Sie trug ein Paar Schuhe ab, dann ein zweites, dann ein drittes.
Zuletzt kam sie zu einer großen Stadt. Im königlichen Jagdpark hörte sie den klaren Ruf eines Horns, und ihr Herz machte einen Sprung. Sie folgte dem Geräusch und sah einen Jägersmann unter den Bäumen reiten. Es war ihr Geliebter – älter, gutaussehend und lebendig. Aber als sie zu ihm rannte, schaute er sie freundlich an und schien verwirrt. "Kenne ich dich?", fragte er. Die Flut der Nixe hatte die Vergangenheit aus seinem Geist gewaschen.
Das Mädchen weinte diesmal nicht. Sie ging zum Palastkoch und bettelte um Arbeit. "Lass mich mein Brot verdienen", sagte sie. Der Koch, der ihre steten Hände und ruhigen Augen mochte, nahm sie auf. An jenem Abend, als die Jäger zurückkehrten, stand das Mädchen im Hof und hob die goldene Flöte an ihre Lippen. Sie spielte die gleiche Melodie, die sie neben dem Teich gespielt hatte, das Lied, das ihn aus der Tiefe gerufen hatte.
Der Jägersmann hielt an. Das Horn fiel aus seiner Hand. Die Musik fand eine Tür in seinem Herzen und öffnete sie. Erinnerungen stürmten herein – das mondbeschienene Wasser, das Summen des goldenen Rades, der weiße Stoff auf dem Boden, die Hand eines tapferen Mädchens, die seine griff. Er trat auf sie zu, flüsterte ihren Namen, und der Rest der Welt verblasste.
Sie hielten einander und lachten und weinten. Dann gingen sie zum Müller und seiner Frau, die grau geworden waren vor Sorge und Scham. Der Müller bettelte um ihre Vergebung für das Versprechen, das er gemacht hatte. Das junge Paar vergab ihm, denn seine Angst hatte sie Mut gelehrt, und sein Fehler hatte sie Treue gelehrt.
Von da an lebten sie zusammen in Liebe und in Frieden. Das Mühlrad drehte sich, der Teich lag ruhig, und nie wieder stieg die Nixe aus seinen Tiefen, um sie zu beunruhigen.
Ende
