Die letzte Perle von H.C. Andersen
H.C. Andersen
6-9 Jahre
4 min
Ein König sucht die reinste Perle. Doch keine passt – bis eine Träne echten Mitgefühls entsteht. Entdecke, wie Mut und Güte das kostbarste Schmuckstück der Welt erschaffen. Eine Prinzessin hilft – und findet den wahren Glanz.

Die letzte Perle

Vor langer Zeit lebte ein König, der seine Tochter über alles liebte. Für sie ließ er eine Kette aus den schönsten Perlen der Welt fertigen. Händler brachten Muscheln aus fernen Meeren, Taucher holten Schätze vom Grund, und die Hofleute staunten über das schimmernde Weiß, das zart wie Mondlicht glänzte.

Die Kette war beinahe vollendet. Doch in der Mitte fehlte noch eine Perle – die letzte. „Sie soll die reinste sein, die es gibt“, sagte der König. „Erst dann ist der Schmuck ganz.“

Bald kamen Menschen von überall her zum Schloss. Jeder brachte eine Perle und hoffte, sie wäre die richtige. Der König hielt sie einzeln gegen das Licht. Manche funkelten, manche waren groß, andere klein. Doch keine schien lebendig zu leuchten. „Die letzte Perle“, murmelte der König, „muss ein Herz erwärmen, wenn man sie ansieht.“

Da bat er den weisesten Mann des Reiches um Rat. Der Greis sprach leise: „Majestät, die kostbarste Perle wächst nicht allein in der Tiefe des Meeres. Sie wird geboren, wenn eine Träne aus einem liebenden Herzen fällt, nicht aus Angst, nicht aus Zorn, sondern aus echter Barmherzigkeit. Eine solche Träne findet ihren Weg in eine Muschel, und dort hüllt sie sich Schicht um Schicht in Glanz. Das ist die letzte Perle.“

Die Hofleute staunten. Tränen kann man nicht kaufen, und Liebe lässt sich nicht befehlen. „Dann müssen wir warten“, seufzte der König. „Warten, bis irgendwo eine solche Träne fällt.“

Viele versuchten ihr Glück. Eine vornehme Dame brachte eine Perle und flüsterte: „Sie entstand aus meinen Tränen, als meine Seide im Regen nass wurde.“ Doch die Perle blieb trüb. Ein Soldat brachte eine andere. „Ich weinte, als ich mich fürchtete“, sagte er. Die Perle war schwer und dunkel. Ein Kaufmann brachte eine glänzende, die er teuer bezahlt hatte. Aber in ihr wohnte kein warmes Licht. Alle wollten die letzte Perle sein, doch keine war es.

Die Prinzessin hörte alles. Still legte sie ihre Goldkrone ab und bat ihre Amme um ein einfaches Tuch. „Ich möchte wissen“, sagte sie, „wie die Menschen leben, für die Vater König ist.“ Die Amme nickte. So gingen sie eines Abends, als der Himmel wie eine blaue Schale über der Stadt lag, durch die Gassen und hielten sich fern von den Wachen.

In einer niedrigen Hütte hörten sie Husten. Drinnen lag ein kleiner Junge mit heißer Stirn. Seine Mutter kniete neben dem Bett. Ihre Hände waren rau, ihr Blick müde. „Ich habe kein Holz mehr und keine Medizin“, sagte sie. „Wenn nur jemand käme!“

Die Prinzessin trat ein. „Wir sind gekommen“, sagte sie. Sie holte Wasser, die Amme brachte Holz vom Nachbarn, und bald knackte ein Feuer im Herd. Die Prinzessin kochte eine dünne Suppe, kühlte die Stirn des Kindes und sprach leise Worte, die sie selbst als Kind getröstet hatten. „Ruh dich aus. Wir sind hier.“

Die Nacht senkte sich über die Stadt. Draußen rauschte der Wind durch die Dächer. Drinnen hielt die Prinzessin die kleine Hand des Jungen, die heiß war wie ein Stein in der Sonne. Die Mutter war vor Erschöpfung eingeschlafen. Einmal flackerte die Kerze, und da kam der Prinzessin eine Träne – leise und klar. Sie weinte nicht um sich selbst, nicht aus Furcht, sondern weil ihr Herz groß und weich wurde, als sie das Gesicht des Kindes ansah: so klein und tapfer.

Die Träne fiel auf die Wange des Jungen. „Schlaf“, flüsterte sie. „Schlaf und werde gesund.“

Weit draußen im Meer, wo das Wasser tiefblau ist und die Meeresstille wie ein Lied klingt, stand eine Muschel offen. Vielleicht war es Zufall, vielleicht Fügung – die klare Träne fand den Weg hinein. Die Muschel schloss sich sanft um sie. Dann begann sie zu arbeiten, langsam, geduldig. Schicht um Schicht legte sie feinen Glanz um die Träne, so wie der Mond jede Nacht einen silbernen Weg über das Wasser malt. Aus der reinen Träne wurde eine Perle.

Als der Morgen kam, war die Stirn des Jungen weniger heiß. Er atmete ruhiger, und ein feines Lächeln huschte über sein Gesicht. Die Mutter wachte auf, sah die beiden bei ihrem Kind und brachte die Hand der Prinzessin an ihre Wange. „Gott segne dich“, flüsterte sie, ohne zu wissen, wer vor ihr stand.

Die Prinzessin legte ihre eigene Umhangdecke über das Kind. Bevor die Sonne hochstieg, verließen sie die Hütte, leise wie der erste Lichtstrahl. Niemand sollte darum wissen. Nur der Wind hörte ihr Dankgebet.

Zur selben Zeit zog ein Fischer sein Netz ein. Zwischen Tang und Muscheln lag eine schwere Auster. Er öffnete sie vorsichtig – und stieß den Atem aus. Auf seiner Hand lag eine runde, klare Perle, so hell, als hätte sie Licht im Innern. Er brachte sie zum Schloss.

Der König hielt die Perle ans Fenster. Ein warmer Schein lief über seine Finger, und ihm war, als sähe er darin ein Kind, das schläft, und eine Hand, die es behütet. Der weise Mann trat näher und lächelte. „Majestät“, sagte er, „das ist die letzte Perle.“

Im großen Saal, zwischen Teppichen und Lichtern, fädelte der König die Perle an die Mitte der Kette. Da geschah etwas, das alle sahen: Die anderen Perlen begannen weicher zu glänzen, als hätten sie sich aufgerichtet und freuten sich. Die Kette war nicht länger nur kostbar; sie war lebendig geworden.

Der König legte sie seiner Tochter um. „Dies ist dein Schmuck“, sagte er. „Doch mehr noch ist es eine Erinnerung: Der größte Glanz wächst aus Güte.“

Die Prinzessin strich über die Perle. „Vater“, antwortete sie, „ich werde sie tragen, wenn ich daran erinnert werden will, wohin ich gehe.“ Und wohin sie auch ging – in den Saal des Schlosses oder in die kleine Hütte am Rand der Stadt – die Perle blieb hell. Denn sie war aus einer Träne geboren, die nur für einen anderen gefallen war.

So fand die Kette ihre Vollendung, und im ganzen Land erzählte man die Geschichte. Manche sprachen von Meer und Muscheln. Andere sagten: „Es war Liebe.“ Doch alle wussten, was der König am Ende sagte: „Die letzte Perle trägt jeder im Herzen. Man muss sie nur fallen lassen – als eine Träne der Barmherzigkeit – und der Welt schenken.“

The End

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