Die kleine Meerjungfrau von H.C. Andersen
H.C. Andersen
6-9 Jahre
4 min
Mut, Sehnsucht und Magie: Die kleine Meerjungfrau rettet einen Prinzen, tauscht ihre Stimme gegen Beine und trifft die schwerste Wahl. Ein klassisches Märchen über Liebe, Opfer und Hoffnung auf eine unsterbliche Seele.

Die kleine Meerjungfrau

Tief unten im Meer stand ein Schloss aus Korallen und Muscheln. Dort lebte der Meerkönig mit seinen sechs Töchtern. Die jüngste war die schönste: Ihre Haut war so klar wie eine Blütenblatt, und ihr langes Haar glänzte wie Seetang im Sonnenlicht. Die Großmutter, eine weise alte Meerfrau, erzog die Mädchen liebevoll und erzählte ihnen von der Welt der Menschen oben über den Wellen.

Wenn jede Schwester fünfzehn Jahre alt wurde, durfte sie zum ersten Mal an die Oberfläche. Die kleine Meerjungfrau war die Jüngste und musste am längsten warten. Sie lauschte den Berichten ihrer Schwestern über Städte, Gärten und Sterne – und ihr Herz wurde weit vor Sehnsucht.

Endlich kam ihr eigener Tag. Sie tauchte empor und sah eine große, festlich geschmückte Galeere. Musik klang über das Wasser, Lichter funkelten, und auf dem Schiff stand ein junger Prinz. Er lächelte, als leuchte die ganze Nacht nur für ihn. Die kleine Meerjungfrau beobachtete ihn voller Staunen.

Plötzlich braute sich ein Sturm zusammen. Die Wellen wurden schwarz und hoch, das Schiff krachte, und die Lichter erloschen. Die kleine Meerjungfrau schwamm mutig durch Wind und Gischt, bis sie den Prinzen fand. Sie hielt seinen Kopf über Wasser, trug ihn mühsam an Land und legte ihn im Morgengrauen behutsam an den Strand nahe eines Tempels. Als die Glocken läuteten, trat ein junges Mädchen aus dem Tempel. Es entdeckte den Prinzen, rief um Hilfe – da glitt die Meerjungfrau leise wieder in die Tiefe. Der Prinz erwachte und glaubte, das Tempelmädchen habe ihn gerettet.

Seit diesem Tag konnte die kleine Meerjungfrau nicht mehr vergessen. Der Klang der Menschenmusik, der Blick des Prinzen und das warme Licht der Sonne ließen ihr Herz schneller schlagen. Sie fragte ihre Großmutter: „Sterben die Menschen auch wie wir?“ Die Großmutter antwortete: „Wir Meerleute leben dreihundert Jahre, dann werden wir zu Meeresschaum und sind ein Teil der Wellen. Die Menschen leben kürzer, aber sie besitzen eine unsterbliche Seele, die nach dem Tod weiterlebt.“

„Kann ich eine unsterbliche Seele bekommen?“ flüsterte die Kleine. „Nur wenn dich ein Mensch so liebt, dass du seine Frau wirst und seine Seele mit der deinen teilt“, sagte die Großmutter sanft. „Sonst wirst du, wenn er eine andere liebt, am Morgen nach seiner Hochzeit zu Schaum.“

Die Sehnsucht der kleinen Meerjungfrau wuchs. Endlich wagte sie den Weg durch den finsteren Teil des Meeres, wo die Seehexe wohnte. Zwischen gierigen Polypen und seltsamen Pflanzen stand das Haus der Hexe. „Ich weiß, was du willst“, krächzte sie. „Du willst Beine wie die Menschen, um an Land bei deinem Prinzen zu sein. Ich kann dir einen Trank geben. Wenn du ihn trinkst, wird dein Fischschwanz sich in Beine verwandeln. Du wirst gehen und tanzen können, schöner als alle anderen. Aber jeder Schritt wird sein, als würdest du auf scharfen Messern gehen. Deine Stimme musst du mir geben – deine klare, schöne Stimme. Und denke daran: Kehrst du einmal als Mensch zurück, kannst du nie wieder zum Meer werden. Und wenn der Prinz eine andere heiratet, wirst du am Morgen nach der Hochzeit zu Schaum.“

Die kleine Meerjungfrau zitterte. Doch sie dachte an den Prinzen und an die unsterbliche Seele. „Ich will es“, sagte sie. Die Hexe nahm ihr die Stimme und gab ihr den Trank in einer kleinen, dunklen Flasche.

In der Nacht tauchte die Meerjungfrau zur Küste des Schlosses. Sie trank den Trank, und ein tiefer Schmerz ging durch ihren Körper, als der Mond über dem Meer stand. Als die Sonne aufging, fand der Prinz am Strand ein Mädchen mit glänzenden Augen, das nicht sprechen konnte, aber lächelte. Er nahm sie freundlich bei der Hand und brachte sie ins Schloss. Niemand tanzte so leicht und schön wie sie, obwohl jeder Schritt sie schmerzte. Der Prinz mochte sie sehr und nannte sie sein „kleines Findelkind“.

Er erzählte ihr von dem Mädchen, das ihn einst am Tempelstrand gefunden hatte. „Ich kann niemanden mehr so lieben wie sie“, sagte er. Die kleine Meerjungfrau lächelte stumm, denn sie durfte nicht sprechen – und er wusste nicht, wer ihn wirklich aus dem Meer gerettet hatte.

Es kam die Zeit, da sollte der Prinz eine Prinzessin aus einem Nachbarreich kennenlernen. „Ich werde dich immer lieben wie ein gutes Herz liebt“, sagte er zur kleinen Meerjungfrau, „aber heiraten kann ich nur die, die mir das Leben rettete.“ Als sie am fremden Hof ankamen, trat die Prinzessin ins Licht – und siehe, sie war genau das junge Mädchen aus dem Tempel gewesen, das den Prinzen damals bewusstlos am Ufer gefunden hatte. Der Prinz jubelte, nahm ihre Hand und bald wurde eine große Hochzeit gefeiert. Die kleine Meerjungfrau tanzte in der Nacht zu ihren Ehren, so leicht wie ein Blatt im Wind – niemand merkte, dass jeder Schritt ihr Herz wie Messer schnitt.

Noch vor dem Morgengrauen kamen ihre Schwestern aus den Wellen empor. Ihr schönes Haar war abgeschnitten; sie hatten es der Seehexe gegeben, um ein Messer zu erhalten. „Hier“, flüsterten sie, „nimm dieses Messer. Wenn du dem Prinzen das Herz nicht brechen willst, brich lieber deines. Stich ihm, bevor die Sonne aufgeht, einen Tropfen Blut aufs deine Füße, dann bekommst du deinen Fischschwanz zurück und kannst wieder zu uns ins Meer. Sonst wirst du zu Schaum.“

Die kleine Meerjungfrau schlich in die Kajüte, wo der Prinz und seine junge Frau schliefen, Hand in Hand. Sie sah ihr freundliches Gesicht, hörte seinen ruhigen Atem – und da erzitterte ihre Hand. Leise lief sie hinaus auf das Deck, wo die Sterne erloschen. Sie warf das Messer weit in die Wellen. Dann sprang sie selbst ins Meer. Die ersten Sonnenstrahlen küssten die Wasseroberfläche, und statt zu versinken, fühlte sie, wie sie sich in feinen, leuchtenden Schaum verwandelte.

Da wehte ein warmer Wind, und in ihm hörte sie Stimmen. Durch den Schimmer traten andere Gestalten: klare, lichte Wesen. „Fürchte dich nicht“, flüsterten sie, „wir sind die Töchter der Luft. Wir haben kein eigenes Reich wie die Meerleute oder die Menschen, aber wir können uns eine unsterbliche Seele verdienen, indem wir Gutes tun, kühle Winde bringen und Menschen beistehen. Nach dreihundert Jahren guter Taten wird auch unsere Seele aufsteigen. Und wenn Kinder freundlich und tapfer sind, wird unsere Zeit kürzer; wenn sie böse sind, dauert sie länger.“

Die kleine Meerjungfrau fühlte, wie Trauer und Liebe in ihr zu einer milden Kraft wurden. Sie blickte noch einmal auf den Prinzen, der die Morgensonne nicht bemerkte, und lächelte ihm einen stillen Segen zu. Dann hob sie sich mit den Töchtern der Luft in den Himmel und flog davon, leicht wie ein Sonnenstrahl über dem Meer – auf dem Weg zu neuen Tagen, an denen sie Gutes tun und eines Tages ihre Seele finden würde.

The End

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