H.C. Andersen
Die Hirtin und der Schornsteinfeger
In einem ruhigen Zimmer stand ein hoher, glänzender Schrank aus dunklem Holz. Auf dem kleinen Tisch in der Nähe lebten zwei kleine Porzellanfiguren. Eine war eine hübsche Hirtin mit rosigen Wangen, goldenen Schuhen und einem winzigen Lamm zu ihren Füßen. Die andere war ein fröhlicher Schornsteinfeger mit einer kleinen Leiter und einem Gesicht so schwarz wie Ruß, obwohl er auch aus Porzellan war.
Sie mochten einander sehr. Wenn das Haus still war, standen sie nah beieinander und flüsterten über Wolken und Felder und wie schön es war, Seite an Seite zu sein.
Hoch oben auf dem Schrank saß eine große Chinafigur, ein alter Mandarin, der mit seinem Kopf nicken konnte. Jeder sagte, er sei der Großvater der Hirtin. Er dachte, er regiere das Zimmer mit seinem Nicken.
Direkt in die Vorderseite des Schrankes geschnitzt war eine große hölzerne Figur mit Ziegenbeinen, einem steifen Bart und einem stolzen Lächeln. Er nannte sich selbst den General-Feld-Oberst-Kriegs-Befehlshaber-Sergeant. "Ich bin wichtig", mochte er sagen und pochte auf seine hölzerne Brust. "Dieser ganze Schrank gehört mir!"
Eines Tages spähte der General aus dem Holz und sagte: "Kleine Hirtin, du sollst mich heiraten. Der Mandarin oben wird Ja nicken." Der alte Mandarin wippte seinen Kopf auf und ab, nick, nick, nick.
Die Hirtin zitterte. "Ich will nicht in den dunklen Schrank gehen", flüsterte sie dem Schornsteinfeger zu. "Bitte, lass uns weglaufen."
"Ich werde überallhin mit dir gehen", sagte der tapfere kleine Feger.
Sie kletterten vom Tisch herunter. Sie schlichen auf Zehenspitzen am großen Stuhl vorbei und eilten zum Ofen. Drinnen war es so dunkel wie die Nacht. Sie zwängten sich zusammen den Kamin hinauf – kritsch, kratsch, kritsch – bis sie das Dach erreichten. Der Himmel war weit, und die Sterne zwinkerten wie freundliche Augen. Hohe Schornsteine standen wie schwarze Riesen.
"Diese Welt ist so groß", sagte die Hirtin leise. "Ich bin ein kleines Porzellanmädchen. Ich habe Angst, ich werde zerbrechen."
"Wir können zurückgehen", sagte der Schornsteinfeger freundlich. "Zuhause ist Zuhause, wenn wir zusammen sind."
Also kletterten sie vorsichtig den Kamin wieder hinunter und krochen zurück in das stille Zimmer.
Aber etwas war geschehen! Der alte Mandarin war von der Spitze des Schrankes gefallen und lag in drei Stücken auf dem Boden. Jeder eilte, um ihn mit Kleber zu reparieren. Bald saß er wieder gerade – aber nun war sein Kopf steif. Er konnte nicht mehr nicken.
Der General stampfte und rüttelte an den Schranktüren. "Die Hochzeit! Die Hochzeit!", schrie er. "Mandarin, nicke dein Ja!"
Der Mandarin versuchte und versuchte, aber sein geklebter Hals wollte sich nicht biegen. Keine Nicken kamen überhaupt.
"Kein Nicken?", sagte die Hirtin, sehr höflich. "Dann kann es keine Hochzeit geben."
Der General schnaufte und keuchte. Er konnte kein Nicken erzwingen, und er konnte nicht weiter aus seinem geschnitzten Holz herausklettern. Zuletzt wurde er still, und der Schrank war ruhig.
Die Hirtin und der Schornsteinfeger kehrten zu ihrem kleinen Tisch zurück. Sie standen noch einmal Seite an Seite, glücklich und sicher. Das Zimmer hatte genau die richtige Größe, und das Licht fiel warm und weich um sie herum.
"Wünschst du, wir wären auf dem Dach geblieben?", fragte die Hirtin.
Der Schornsteinfeger lächelte. "Nein. Der beste Platz ist, wo wir zusammen sind."
Und von da an, wann immer das Haus still war, flüsterten die Porzellanhirtin und der tapfere Schornsteinfeger ihre kleinen, süßen Geschichten – genau dort auf ihrem kleinen Tisch, sicher vor dem dunklen Schrank und dem stolzen General für immer.
Ende
