Die glückliche Familie von H.C. Andersen
H.C. Andersen
6-9 Jahre
3 min
Zwei alte Schnecken leben unter einem riesigen Klettenblatt, adoptieren ein Kind und warten auf ihre große Ehre. Eine Eintagsfliege, Jahreszeiten und ein besonderer Tag verändern ihr kleines Weltbild.

Die glückliche Familie

Am Rand des Gartens eines alten Herrenhauses wuchs eine Klette mit Blättern so groß wie grüne Schirme. Unter einem dieser Blätter lebten zwei alte Schnecken. Für sie war die Klette nicht einfach eine Pflanze, sondern ihr Stammbaum – ihr eigener großer Baum, gepflanzt, wie sie fest glaubten, nur für ihre Familie.

„Wie herrlich ist unsere Klette!“ sagte die eine. „Kein Baum hat so gewaltige Blätter.“ – „Natürlich,“ antwortete die andere, „sie ist für uns da. Wir sind eben etwas Besonderes auf diesem Gut.“ Sie sprachen langsam, wie es sich für vornehme Schnecken gehörte, und sahen die Welt in Ruhe an.

Eines sonnigen Morgens schwirrte eine Eintagsfliege über das Klettenblatt. Sie tanzte in der Luft, ließ sich auf die raue Blattfläche nieder und blinzelte fröhlich. „Was bist du für ein flinkes Wesen,“ sagte die Schnecke. „Wie lange lebst du denn?“ – „Nur heute,“ lachte die Eintagsfliege. „Ich wurde im Morgengrauen geboren, und ehe die Sonne untergeht, habe ich getanzt, gesungen, Freunde gefunden und die Welt gesehen. Ein ganzer Tag – das ist genug, wenn er voll ist!“ Die alten Schnecken schüttelten die Köpfe. „Nur ein Tag! Wie schrecklich kurz,“ murmelten sie. Doch die Eintagsfliege flog leicht und zufrieden davon, und am Abend war ihr Tag zu Ende – rund und glücklich.

„Eile ist nichts für uns,“ sagten die Schnecken. „Wir haben Zeit. Und eines Tages widerfährt uns das Größte: Man trägt uns ins Haus – auf einer feinen Schale! Das hat man im Garten erzählt, und was im Garten erzählt wird, stimmt.“ Sie hatten nämlich gehört, dass die Herrschaft Schnecken sehr schätze und dass ins Haus getragen zu werden die höchste Ehre sei.

„Eine Familie sollten wir haben,“ meinten sie dann, „damit unser guter Name weiterlebt und immer jemand die Klette achtet.“ Unter einem Nachbarblatt fanden sie eine kleine Schnecke mit zartem, durchscheinendem Häuschen. „Du passt zu uns,“ sagten sie. Und sie nahmen sie an wie ein eigenes Kind.

Sie lehrten die Kleine, wie man würdevoll kriecht, wie man bei Regen still lauscht und im Sonnenschein das Blattgrün kostet. „Merke dir,“ sagte der eine Alte, „unsere Klette ist der größte Baum der Welt. Sie ist unser Stammbaum. Du musst sie ehren.“ – „Und du musst wissen,“ fügte die andere hinzu, „dass Schnecken von Rang eines Tages auf einer Schale ins Haus getragen werden. Das ist der größte Ruhm.“ Die kleine Schnecke hörte aufmerksam zu, denn Schnecken lernen langsam und gründlich.

Die Tage gingen dahin. Die Klette streckte neue, noch größere Blätter, purpurne Köpfchen leuchteten, und später hingen Klettenfrüchte wie stachelige Knöpfchen. Regen trommelte, Sonne trocknete, und der Wind erzählte Neuigkeiten aus dem Gemüsegarten. Manchmal kamen flinke Tiere vorbei, die vieles sahen und doch wenig verstanden. Eine junge Eintagsfliege, ein Kind der tanzenden vom Frühling, setzte sich einmal auf das Blatt und rief der kleinen Schnecke zu: „Heut ist mein einziger Tag! Ich habe so viel zu tun!“ – „Sei glücklich mit deinem Tag,“ sagte die kleine Schnecke höflich. „Wir Schnecken haben viele Tage. Wir sammeln die Freude in Ruhe.“

Als die Blätter im Spätsommer am schwersten waren und der Duft von Erde und Kräutern in der Luft hing, kam der Gärtner mit einem Korb. Er hob Klettenblätter an und schaute in den kühlen Schatten darunter. Da fand er die drei Schnecken – die beiden alten und die kleine. „Die Herrschaft wünscht Schnecken,“ murmelte er und hob sie behutsam auf.

Die alten Schnecken fühlten, wie sie in die Höhe gehoben wurden. „Nun ist er da, unser großer Tag,“ flüsterten sie. Sie waren nicht ängstlich, sondern feierlich, wie man es bei einem langen erwarteten Ereignis ist. Die kleine Schnecke kuschelte sich an ihr Häuschen. „Bin ich schon groß genug für die Ehre?“ fragte sie leise. „Ja,“ sagten die Alten. „Wenn man ins Haus getragen wird, ist man bereit. Trage dich nur würdevoll.“

Der Gärtner legte die drei in den Korb, zusammen mit frischen Klettenblättern. Über ihnen lag ein Stück Himmel, und ganz kurz schwebte eine Eintagsfliege heran und rief: „Welch großer Augenblick!“ Dann trug der Gärtner den Korb den Gartenweg hinauf, vorbei an Beeten, über die die Schnecken noch nie hinausgesehen hatten.

Im Haus war es hell und warm. Was dort geschah, wussten die Schnecken seit Langem aus den Geschichten des Gartens: Wer auserwählt ist, wird zu einem besonderen Gericht, und die Menschen freuen sich darüber. Für die Herrschaft war es ein Fest; für die drei Schnecken war es die Erfüllung dessen, woran sie immer geglaubt hatten.

Und so endete ihre Geschichte, wie sie sie sich erträumt hatten: bescheiden, feierlich und ganz in Ruhe. Unter neuen Klettenblättern im Garten krochen inzwischen andere Schnecken, erzählten von der großen Ehre und von dem höchsten Glück, auf das man warten kann. Und wenn die Sonne die Blätter grün leuchten ließ, sah die kleine, neue Schneckengeneration zum Stammbaum hinauf und fühlte sich – ganz wie die Alten – als eine glückliche Familie.

The End

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