Die Geisterkutsche
Schnee fiel sanft in der Silvesternacht, als Schwester Edit in einem kleinen, ruhigen Zimmer lag. Sie arbeitete für eine Gruppe, die armen und einsamen Menschen half, und sie war sehr krank. Trotzdem waren ihre Gedanken freundlich. "Bitte", flüsterte sie ihren Freunden zu, "geht und findet David Holm. Bringt ihn heute Nacht zu mir."
Nicht weit entfernt saß David Holm auf einem kalten Friedhof mit zwei Trinkkumpanen. Er hatte ein hartes Gesicht und ein schmerzendes Herz. Er lachte zu laut und versuchte, sich um rein gar nichts zu kümmern. "Habt ihr die alte Geschichte gehört?", fragte David seine Freunde und klopfte auf einen Grabstein. "Sie sagen, die letzte Person, die vor dem neuen Jahr stirbt, muss eine geisterhafte Kutsche für zwölf lange Monate fahren. Der Kutscher muss die Seelen der Toten einsammeln, überall, durch Wände und über Meere."
Seine Freunde zitterten. "Wer hat dir das erzählt?", fragte einer.
"Mein Freund Georges", sagte David, sein Grinsen verblassend. "Er erzählte es mir letzte Silvesternacht. Und dann starb er vor Mitternacht."
Die Kirchenuhr begann zu läuten. Die Nacht wurde kälter. Ein Streit brach aus, scharf und plötzlich. Es gab einen Schrei, eine geworfene Flasche, einen dumpfen Schlag. Als die letzte Glocke zwölf schlug, lag David Holm still auf dem gefrorenen Boden.
Ein Rad knarrte, wo kein Weg lag. Aus der eisigen Luft rollte eine bleiche, hölzerne Kutsche mit dünnen, ratternden Rädern. Ihr Pferd war stumm. Ihr Kutscher trug einen grauen Mantel, und sein Gesicht sah so alt aus wie der Winter selbst.
"Georges", flüsterte David und versuchte aufzustehen. Aber sein Körper gehorchte ihm nicht. Er schaute mit neuen Augen auf die Welt, als ob er aus ihr herausgetreten wäre.
"Ja, David", sagte der Kutscher. "Ich war der Letzte, der vor einen Jahr starb. Ich bin das ganze Jahr gefahren, über Dächer und Flüsse, in Zimmer, wo Kerzen gerade ausgegangen sind. Die Arbeit ist schwer, weil jede Stunde sich so lang anfühlt wie viele Tage. Jetzt ist Mitternacht wieder vergangen." Er nickte zu den Zügeln. "Es ist deine Reihe."
David zitterte. "Nein. Nein! Ich kann nicht. Ich muss zuerst zu jemandem gehen."
Georges' Augen, traurig und stet, beobachteten ihn. "Wir werden zusammen gehen, und du wirst sehen, was deine Entscheidungen getan haben. Dann werden wir fragen, ob Gnade noch möglich ist."
Die Geisterkutsche rollte ohne Geräusch. Wände wurden dünn wie Nebel vor ihr. Der erste Ort, den sie betraten, war hell mit Lampenlicht. Schwester Edit lag im Bett, bleich aber friedlich. Zwei Frauen wärmten ihre Hände. Auf dem Tisch lag ein Mantel, den sie einst mit sorgfältigen Stichen geflickt hatte. "Bitte", hauchte Edit, "geht David Holm finden. Sagt ihm... sagt ihm, ich vergebe ihm. Sagt ihm, ich habe keine Angst."
David reichte nach ihr, aber seine Hand ging durch die Luft wie Dunst.
"Erinnerst du dich an letztes Jahr?", fragte Georges sanft. "Sie hieß dich willkommen, als andere sich abwandten."
David sah es wieder: Edit, die eine Tür zu einer Unterkunft öffnete und Wintersonnenschein hereinließ. "Komm herein, mein Herr", hatte sie zu ihm gesagt. "Du kannst hier ausruhen." Sie hatte seine Tasse gewaschen und seinen zerrissenen Mantel geflickt, nähend, bis ihre Finger wund waren. "Komm nächste Silvesternacht zurück", hatte sie mit leuchtenden Augen gebeten. "Lass mich sehen, wie dein Leben sich geändert hat." David hatte gelacht, am Mantel gerissen, so dass ihre sorgfältigen Stiche rissen, und achtlos in die Luft gehustet. Ein paar Wochen später wurde sie krank, doch betete sie immer noch für ihn.
Nun zog die Kutsche weiter. Sie glitt durch Straßen zu einem kleinen, dämmrigen Zimmer. Eine Frau saß wach, ihre Kinder schliefen neben ihr. Ihr Gesicht war müde aber stark. "Anna", flüsterte David. Es war seine Frau. Er erinnerte sich an den Tag, als sie die Kinder genommen und gegangen war, verängstigt von seinem Trinken und seinem Temperament. Er erinnerte sich, wie er an Türen gehämmert und geschrien hatte, und wie sie weiter weggerannt war.
"Sie versteckte sich, um die Kinder sicher zu halten", sagte Georges. "Dennoch hofft sie immer noch, dass der gute Mann, den sie geheiratet hat, zurückkehren könnte."
David bedeckte sein Gesicht. "Ich wollte mich ändern. Ich habe es versucht. Ich... ich habe versagt."
Die Kutsche rollte zu einer Werkstatt, wo ein einsamer Mann mit seinem Kopf in seinen Händen saß. "Wir sind hier zuvor gewesen", murmelte Georges. "Nacht für Nacht. Die Kutsche kommt, wohin auch immer Herzen brechen. Wir können nicht jeden Kummer reparieren. Aber die Lebenden können es." Er schaute David an. "Das ist, warum deine Entscheidungen zählen."
Zuletzt kamen sie zu einem stillen Hause nahe dem Meer. Hinter einer verschlossenen Tür lagen eine Frau und zwei Kinder schlafend. Schnee häufte sich hoch gegen die Stufen. David sah sich selbst, wie er nur Stunden zuvor gewesen war, wie er jene Stufen voller Wut und Eifersucht hinaufstampfte. Er sah seine Hand nach einer Axt beim Holzstapel greifen. Der Anblick erschütterte ihn wie Donner.
"Nein!", rief David. "Stopp ihn! Stopp mich!"
Georges fing seinen Arm. "Das ist, was deine Wut getan hätte. Aber wir kamen an, bevor die Tür aufgebrochen war. David, was wirst du wählen, wenn du lebst?"
David fiel auf seine Knie im Schnee, der ihn nicht benetzen konnte. "Lass mich zurückgehen", bettelte er. "Bitte. Ich werde die Flasche weglegen. Ich werde sanft sein. Ich werde reparieren, was ich zerrissen habe, wie Schwester Edit meinen Mantel reparierte. Lass es mich versuchen."
Georges stand sehr still. Einen langen Moment drehte sich kein Rad. Dann sprach er, seine Stimme weicher als fallender Schnee. "Ich werde fragen."
Die Welt schwang wie eine Glocke. Der Friedhof kehrte zurück. Kälte stürmte herein. David keuchte, und Atem brannte in seinen Lungen. Er lag auf dem Boden, wo er gefallen war. Seine zwei Kumpanen starrten, weitäugig. "Er lebt!", flüsterte einer.
David drückte sich hoch und rannte, rutschend und stolpernd, bis er Schwester Edits Zimmer erreichte. Sie drehte ihren Kopf beim Geräusch seiner Schritte. Ihre Augen leuchteten wie winzige Sterne. "Du bist gekommen", flüsterte sie.
"Ich bin gekommen", sagte David, Tränen heiß auf seinem Gesicht. "Ich bin grausam und töricht gewesen. Kannst du mir vergeben?"
"Ich vergab dir vor langer Zeit", murmelte sie. "Versprich mir etwas, David. Versprich, du wirst freundlich leben."
"Ich verspreche es", sagte er. "Ich werde zu Anna gehen. Ich werde der Vater sein, den meine Kinder brauchen. Ich werde der Mann sein, den du diese Silvesternacht zu sehen hofftest."
Ein schwaches Lächeln berührte Schwester Edits Lippen. Sie lauschte seinem Versprechen, als ob es Musik wäre. Dann wurde ihr Atmen langsamer, und ihr Gesicht wurde sehr friedlich, wie eine Kerze, die fertig geschienen hat, nachdem sie viele andere angezündet hat.
David ging in die Winternacht, die Welt plötzlich neu. Er fand das kleine Haus nahe dem Meer und klopfte sanft. "Anna", sagte er durch die Tür, "ich bin nicht derselbe. Es tut mir leid für jeden Schreck, den ich dir gab. Wenn du mir noch nicht vertrauen kannst, werde ich warten. Ich werde es jeden Tag beweisen."
Die Tür öffnete sich ein wenig. Anna schaute ihn eine lange Zeit an, und dann auf die schlafenden Kinder. Sie sah keine Wildheit in seinen Augen, nur das stete Licht von jemandem, der gesehen hatte, wohin der falsche Weg führte, und sich umgedreht hatte. Langsam ließ sie ihn herein.
Draußen fiel der Schnee weiter, ruhig und sauber. Irgendwo weit weg knarrte eine Kutsche einmal und war still. Und in einem kleinen Zimmer, wo ein geflickter Mantel gefaltet lag, begann ein Versprechen wahr zu werden.
Ende
