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Die Fliedermutter

H.C. Andersen

Die Fliedermutter

Es war ein nasser Tag, und ein kleiner Junge war durch Pfützen geplatscht, bis seine Socken durchnässt waren. Am Abend schmerzte sein Kopf und sein Hals fühlte sich kratzig an. Seine Mutter deckte ihn im Bett beim warmen Ofen zu und sagte: "Wir werden Fliederblütentee machen. Er vertreibt Kälteschauer."

Ein Freund kam zu Besuch, ein fröhlicher Student, der viele Geschichten kannte. Er nahm seinen feuchten Hut ab und schüttelte den Regen aus. "Fliederblütentee?", sagte er. "Dann wird uns vielleicht die Fliedermutter einen Besuch abstatten. Wenn der Dampf aufsteigt, tut sie das oft."

Der Junge blinzelte. "Wer ist die Fliedermutter?"

"Du wirst sehen", antwortete der Student. Die Mutter lächelte und stellte eine braune Teekanne auf den Tisch. Draußen, im kleinen Hof, stand ein alter Holunderstrauch mit kahlen dunklen Ästen. Drinnen sang der Kessel. Bald goss die Mutter heißes Wasser über die getrockneten weißen Blüten, und ein süßer, grüner Geruch erfüllte den Raum.

Genau in diesem Augenblick kringelte und wirbelte der Dampf, und der Junge dachte, er sähe eine kleine Dame aus dem Nebel treten. Sie trug ein Kleid in der Farbe frischer Blätter. Auf ihrem Kopf war eine Krone aus weißen Fliederblüten. Um ihren Hals hing eine Kette aus winzigen Beeren, dunkel wie glänzende Perlen. Sie knickste so ordentlich, dass der Junge vergaß, überrascht zu sein.

"Guten Abend", sagte die kleine Dame. Ihre Stimme war sanft, wie Blätter, die aneinander reiben. "Ich bin die Fliedermutter. Im Frühling bin ich jung und trage Blütenkronen. Im Herbst und Winter bin ich älter und trage Beeren und schwarze Seide. Ich komme, wo immer mein Holunder wächst, und wo immer guter Tee eingegossen wird. Sollen wir eine Geschichte erzählen?"

Dem Jungen war schon warm. "Bitte", flüsterte er.

Die Fliedermutter streckte ihre Hand aus. Die Teekanne schien plötzlich weit wie ein See. Der Dampf glänzte wie Silber. Zusammen spähten sie hinein, als wäre der glänzende Dampf ein Fenster. "Schau", sagte sie. "Dies ist dein eigener Hof, vor nicht vielen Jahren."

Dort stand der Holunderstrauch, frisch und grün. Darunter saßen ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen auf einer Holzbank. Sie teilten ein Stück Brot und lachten. Ihre Hände waren verschmiert mit Marmelade, und sie wischten sie an den Blättern ab, wenn sie dachten, niemand schaute hin. Der Junge im Bett lächelte; selbst krank konnte er nicht anders.

Der Dampf wirbelte wieder. Jetzt waren die Kinder größer. Sie hatten ein Schiff aus einem alten Waschzuber gebaut und segelten es über eine Pfütze. Das kleine Mädchen trug einen Kranz aus Fliederblüten im Haar. Der Junge hatte sich ein Blatt in seine Mütze gesteckt. Sie erzählten einander, dass sie eines Tages die Welt sehen würden, aber nur, wenn sie zum Abendessen zu Hause sein könnten.

Der Dampf stieg auf und klärte sich, und die Zeit sprang vorwärts. Der Holunder war dicker gewachsen. Gäste kamen durch das kleine Tor. Es gab Lächeln und Lieder. Der junge Mann und die junge Frau – waren sie dieselben Kinder? – standen unter den Holunderzweigen, während weiße Blütenblätter wie Frühlingsschnee herabflatterten. Eine Girlande hing über der Türöffnung. Jemand spielte eine Melodie, und die Holunderblätter zitterten, als ob sie klatschten.

"Eine Hochzeit", flüsterte der Junge.

"Ja", sagte die Fliedermutter. "Menschen verändern sich und wachsen, aber der Holunder erinnert sich."

Wieder verschoben sich die Bilder. Eine Wiege stand nun im Schatten, und ein Baby schlief darin. Die Mutter wippte mit ihrem Fuß und summte, und der Vater schnitzte ein kleines Holzpferd. Der Sommer ging in den Herbst über. Die Holunderbeeren glänzten wie schwarze Perlen, und die Mutter sammelte sie für Sirup und Marmelade. Der Winter kam. Die Fliedermutter, jetzt älter in einem schwarzen Seidenkleid, schüttelte eine Decke aus Schnee aus, die alle Dächer bedeckte und den Hof hell und still machte.

Der Frühling kehrte zurück, und der Holunder schäumte vor Blüten. Das Baby wurde ein Kind und jagte Schatten über die Pflastersteine. Manchmal ging der Vater weg mit einem Bündel über seiner Schulter, oder einem Bündel Waren, oder vielleicht zur See – niemand konnte es genau aus dem Dampf sagen – aber er kam immer nach Hause zur Bank unter dem Holunder. Geschichten und Briefe reisten auch dorthin. Der Baum hörte allem zu und nickte mit jedem Wind.

Jahre eilten im Raum eines Atemzugs vorbei. Das Kind, das in der Wiege geschlafen hatte, trug nun Bücher zur Schule. Das Haar der Mutter hatte eine silberne Strähne, und der Vater hatte ein paar Linien um seine Augen. Immer noch saßen sie unter dem Holunder, um sich auszuruhen, zu reden, Pläne zu machen und einander zu vergeben, wenn Pläne schiefgingen. Im Sommer banden sie eine Schaukel an den starken Ast. Im Herbst trockneten sie Beeren für Sirup gegen Wintererkältungen. Im Winter streuten sie Krümel für Vögel, die winzige Fußabdrücke auf dem Schnee hinterließen.

Dann tanzte der Dampf noch einmal, und der Junge sah das Paar wieder. Ihre Gesichter waren weich von Jahren. Ihr Haar war weiß, weiß wie Fliederblüten. Sie saßen eng zusammen auf der Bank, und ihre Hände, alt und tapfer, hielten fest. Der Hof war derselbe. Der Holunder war immer noch da, und auch das kleine Tor und die warme Küche mit der braunen Teekanne. Das alte Paar lächelte, und in ihren Augen konnte man jede Jahreszeit sehen, die sie gelebt hatten.

"Sind es die ganze Zeit dieselben Menschen?", fragte der Junge.

"Sind es", sagte die Fliedermutter. "Das Leben wächst und verändert sich wie mein Baum. Knospe, Blüte, Beere. Frühling, Sommer, Winter. Aber Freundlichkeit, Geduld und Zuhause können bleiben."

Die Augenlider des Jungen fühlten sich schwer an. Der Holundergeruch war süß und beruhigend. "Ich mag diese Geschichte", murmelte er.

Ende

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