Die Blumen der kleinen Ida von H.C. Andersen
H.C. Andersen
6-9 Jahre
4 min
Warum hängen Idas Blumen die Köpfe? Ein Student verrät: Nachts feiern sie Ball! Ida erlebt ein geheimes Blumenfest, nimmt liebevoll Abschied – und entdeckt Trost, Hoffnung und den Kreislauf des Lebens.

Die Blumen der kleinen Ida

In einer großen Stadt lebte die kleine Ida. Auf ihrem Fensterbrett stand ein bunter Strauß: Tulpen, Hyazinthen, Stiefmütterchen und Gänseblümchen. Am Morgen aber hingen ihre Köpfe schwer herab. "Warum seid ihr so traurig?", flüsterte Ida und strich die Blätter glatt.

Gerade da kam der Student ins Zimmer, ein junger Mann, der oft zu Besuch war und lustige, kluge Geschichten erzählen konnte. Ida zeigte ihm die Blumen. "Sie waren gestern so frisch! Warum sind sie heute ganz schlapp?"

Der Student lächelte geheimnisvoll. "Weil sie die ganze Nacht getanzt haben."

"Getanzt? Blumen?" Ida riss die Augen auf.

"Natürlich", sagte der Student und setzte sich neben sie. "Wenn wir schlafen, ziehen die Blumen ihre grünen Röckchen aus und ziehen Seide und Samt an. Dann gehen sie zu einem Ball. Manchmal im großen Schlossgarten, manchmal in einem gemütlichen Zimmer wie deinem. Die Rosen knicksen, die Hyazinthen verbeugen sich, und die kleinen Gänseblümchen hopsen vor Freude. Sie tanzen, bis der Morgen kommt. Darum sind sie heute müde."

Ida dachte nach. "Und wenn eine Blume zu müde ist? Stirbt sie dann?"

Der Student wurde sanfter. "Manchmal, ja. Doch wir können sie freundlich verabschieden. Wir begraben sie im Garten und legen ein Blatt als Decke darüber. Und weißt du, was das Schönste ist? Im Frühling wachsen neue Blumen. Es ist, als ob das Tanzen nicht aufhört, nur anders weitergeht."

Ida nickte ernst. "Dann möchte ich gut auf sie aufpassen. Heute Nacht sollen sie sich ausruhen."

Als der Abend kam, holte Ida ihr Puppenbettchen. "Sophie", sagte sie zu ihrer Puppe, "du bist heute Krankenschwester." Vorsichtig bettete sie die müden Blumen auf das weiche Kissen und deckte sie mit einem Taschentuch zu. Neben das Bett stellte sie einen ausgeschnittenen Papiermann, den der Student ihr gemacht hatte. "Du hältst Wache", flüsterte Ida. Dann legte sie sich selbst schlafen.

Mitten in der Nacht wachte Ida auf. War da Musik? Ganz leise, wie das Zittern einer Mücke oder das Klingen kleiner Glöckchen. Das Mondlicht stand silbern im Zimmer. Ida richtete sich auf.

Da bewegte sich etwas am Puppenbettchen. Die Blumen richteten die Köpfe auf. Das Taschentuch glitt zu Boden. Eine Hyazinthe schüttelte ihr duftendes Haar, die Tulpe öffnete sich wie ein roter Mantel. Ein Gänseblümchen machte ein kleiner Knicks und rief mit feinem Stimmchen: "Die Musik beginnt!"

Auf dem Tisch stand eine große gelbe Tulpe. Ihr Kelch wurde zu einem Thron. Eine Rose mit zartem Rand setzte sich darauf wie eine Königin. Andere Blumen bildeten einen Kreis. Sie fassten ihre Blätter, drehten sich, sprangen, lachten mit leisen Stimmen, die wie Wind klangen. Der Papiermann wollte mitmachen, winkte und verbeugte sich. "Halt die Wache!", mahnte eine Nelke, und er blieb, so gut ein Papiermann es kann, ernst stehen.

Zwei Glühwürmchen flogen herein und hielten ihre Lämpchen hoch. Das Licht glitzerte auf den Blüten, als trügen sie Schmuck. Die Maiglöckchen klingelten wirklich, als die Blumen an ihnen vorbeitanzten. Eine kleine Veilchenfamilie stand schüchtern am Rand, bis die Rose rief: "Kommt! Heute tanzen alle!" Da trauten auch sie sich und hüpften in den Reigen.

Plötzlich wurde es still. Auf einem grünen Blatt trugen zwei Stiefmütterchen eine weiße, ganz müde Blume. Hinter ihnen folgten die anderen mit gesenkten Köpfen, und die Glühwürmchen hielten die Lichter tiefer. "Es ist unser Abschied", sagte die Rose leise. "Sie hat gestern so glücklich getanzt und ist nun ganz still geworden. Wir bringen sie hinaus und geben ihr einen guten Schlaf."

Ida stand auf und öffnete vorsichtig das Fenster. Ganz langsam zogen die Blumen hinaus in den Mondgarten. Dort fanden sie unter dem Haselstrauch eine kleine Stelle. Die Erdkrumen waren weich wie Kuchen. Die Stiefmütterchen legten die weiße Blume hin, ein Blatt wurde zur Decke und ein Grashalm zum Kreuz. Die Maiglöckchen klingelten ein zartes Lied, und die Rose wisperte: "Schlaf gut. Wir tanzen weiter, und im Frühling kommst du wieder als neues Lächeln."

Ida spürte, wie ihr Herz warm wurde. Es fühlte sich traurig und tröstlich zugleich an. Sie wischte sich die Augen, doch sie weinte nicht lange, denn nun begann die Musik erneut. Die Blumen drehten sich, bis der erste Vogel rief und der Himmel blasser wurde. Da machte die Rose einen letzten Knicks. Einer nach dem anderen kletterten die Blumen zurück. Sie schlüpften in ihre grünen Röckchen, und als die Sonne die ersten goldenen Strahlen schickte, lagen sie wieder still im Puppenbettchen. Der Papiermann war vor Müdigkeit umgefallen.

Am Morgen stürmte Ida zu dem Studenten. "Ich habe es gesehen! Sie haben getanzt. Und wir haben Abschied genommen." Sie erzählte alles, was in der Nacht geschehen war: den Thron aus Tulpen, die Glühwürmchen, das leise Lied.

Der Student hörte aufmerksam zu und nickte. "Dann wollen wir tun, was die Blumen sich wünschen." Gemeinsam bastelten sie aus blauem Papier einen kleinen Sarg. Ida legte die allermüdesten Blüten hinein. Draußen im Garten fanden sie ein freundliches Plätzchen unter dem Busch. Sie gruben eine kleine Grube, so groß wie Idas Hand. Vorsichtig senkte Ida den blauen Sarg hinab. Der Student schrieb mit feiner Schrift auf ein Holzstäbchen: "Hier ruht eine kleine Blume. Sie tanzte froh. Im Frühling lächelt sie wieder." Ida steckte das Stäbchen in die Erde und legte ein paar helle Steinchen dazu.

Ida goss die Stelle mit ihrer kleinen Kanne. "Schläfst du gut?", flüsterte sie. "Ich komme jeden Tag und grüße dich." Der Wind strich über die Blätter, als gäbe er Antwort.

Abends stellte Ida die übrigen Blumen wieder ins Wasser. "Ihr dürft tanzen, wenn der Mond kommt", sagte sie, "aber ruht euch aus, wenn die Sonne scheint." Sophie, die Puppe, bekam erneut den Auftrag, gut aufzupassen. Der Papiermann wurde wieder an die Wache gestellt, diesmal lehnte er an einem Buch, damit er nicht umfallen konnte.

Die Tage wurden länger, und manchmal hörte Ida tief in der Nacht wieder das leiseste Klingen von Maiglöckchen. Mit jedem Morgen fühlte sie weniger Traurigkeit und mehr Erwartung. Wenn sie an das kleine Grab dachte, stellte sie sich vor, wie dort unten ein winziges, grünes Lächeln wuchs.

Und als der Frühling kam, als die Luft warm wurde und die Vögel laut sangen, sah Ida unter dem Busch die ersten Blättchen. Sie waren frisch und hell, und mitten zwischen ihnen lag eine Knospe, rund wie ein Geheimnis. "Da bist du ja", sagte Ida. "Ich habe dich nicht vergessen. Auch du hast das Tanzen nicht vergessen."

Sie klatschte in die Hände und lief ins Haus. "Siehst du, was ich dir versprochen habe?", rief der Student, als er die neue Blume sah. "Das Tanzen geht weiter." Ida nickte. Sie wusste nun, dass Abschied und Wiedersehen nah beieinander wohnen. Und wenn der Mond schien, lauschte sie gern noch einmal in die Stille – dorthin, wo die Blumen tanzen.

The End

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