Die alte Straßenlaterne von H.C. Andersen
H.C. Andersen
6-9 Jahre
4 min
Eine alte Laterne wird ausgemustert – doch der Mond schenkt ihr eine besondere Kraft. Mit Atem und Poliertuch zeigt sie wahre Erinnerungen. Ein warmes Märchen über Treue, Würde und Licht.

Die alte Straßenlaterne

In einer alten, schmalen Gasse stand seit vielen Jahren eine eiserne Straßenlaterne. Jeden Abend kam der Laternenanzünder mit seiner Leiter, strich die Zündschnur an und die Laterne leuchtete warm auf die Kopfsteine. Sie kannte jede Unebenheit im Pflaster, jeden schiefen Balken an den Häusern und viele, viele Gesichter.

Eines Tages hörte die Laterne, wie der Stadtrat beschloss: Eine neue Laterne soll kommen, heller und moderner. „Morgen ist deine letzte Nacht“, flüsterte der Laternenanzünder und strich zärtlich über den kalten Rand. „Altes gutes Licht, du hast mir immer treu gedient.“ Die Laterne wurde schwer ums Herz – sofern Laternen Herzen haben – und fragte sich: Wohin werde ich gebracht? In den Schuppen? Auf den Speicher des Bürgermeisters? Oder gar in die Gießerei, wo man mich einschmilzt?

In dieser Nacht leuchtete sie so klar, wie sie nur konnte. Sie dachte an all das, was sie gesehen hatte: Brautpaare, die Hand in Hand gingen. Kinder, die im ersten Schnee tanzten. Den alten Mann mit dem wackeligen Stock, der immer bei ihr ausruhte. Soldaten, die Abschied winkten. Auch Tränen hatte sie gesehen und leise, heimliche Küsse – doch sie hatte immer geschwiegen. „Wer wird sich an mich erinnern, wenn ich nicht mehr brenne?“, dachte sie.

Da strich der Wind durch die Gasse und rauschte in ihren Blechschirm. „Alte Freundin“, flüsterte er, „dein letzter Abend. Ich habe deine Flamme oft in der Zugluft zum Flackern gebracht.“ Die Laterne klirrte leise. „Blase mich heute nicht aus“, bat sie. „Ich will ordentlich Abschied nehmen.“ Hoch oben schaute der Mond zwischen den Wolken hervor, rund und freundlich. Sein Licht streichelte die Laterne, als wolle er ihr übers Haar fahren.

Da tanzten zwei kleine Irrlichter um den Pfahl. Sie zischten und kicherten: „Nimm uns in dich auf! Wir brennen ohne Öl. Dann leuchtest du immer, selbst wenn dich keiner anzündet!“ Die Laterne spähte auf sie hinab. „Und was wollt ihr dafür?“ – „Ach“, zischten die Irrlichter, „wir spielen gern Streiche. Wir führen Leute in die Pfützen, lassen Schatten größer werden, als sie sind, und drehen den Weg um, bis alle die Orientierung verlieren.“ Die Laterne schüttelte mit ihrem eisernen Kopf. „Ich habe mein ganzes Leben den Weg gezeigt. Ich will niemanden irreführen.“ Die Irrlichter schnappten beleidigt nach dem Wind und verschwanden in der nächsten Rinne.

„Du warst treu und klar“, sprach nun der Mond. „Ich will dir ein Abschiedsgeschenk machen. Flammen wirst du selten mehr tragen, doch wenn jemand dich lieb und sorgfältig reibt und dich mit warmem Atem anhaucht, soll in dir etwas erwachen: die Bilder all dessen, was du gesehen hast. Nicht Lügen und Späße, sondern wahre Erinnerungen. Du wirst dann auf die Wand malen können – lebendige Bilder, so klar, als leuchtetest du auf der Gasse.“ Die Laterne klirrte vor Freude. „Das ist ein gutes Licht“, sagte sie zart, „ein Licht im Herzen.“

Am Morgen kam der Laternenanzünder noch einmal mit der Leiter. Vorsichtig nahm er die Laterne herab. Die Gasse stand still, als ob sie lauschte. Beim Rathaus dankte der Bürgermeister dem alten Mann für seine Arbeit. „Die Laterne hat uns lange gedient“, sprach er. „Sie sei nun dein.“ Der Laternenanzünder verneigte sich. Seine Augen glänzten wie frisch geputztes Metall.

Zu Hause war die Stube klein, die Fenster beschlagen. Die Frau des Laternenanzünders freute sich. „Sieh nur, unsere gute Laterne!“, rief sie. Sie hängten sie am Haken neben dem Fenster. Öl hatten die beiden kaum; sie waren arm und mussten sparen. Die Laterne stand oft still und dunkel. Doch sie fühlte sich geborgen zwischen den leisen Stimmen der beiden, dem Knistern des Ofens und dem Geruch nach Brot.

Eines Abends nahm die Frau ein weiches Tuch. „Wir wollen dich hübsch machen“, sagte sie und rieb die Laterne rundherum, bis sie glitzerte. Dann hauchte sie sie an, um die letzten Schlieren fortzuwischen. Warm legte sich ihr Atem auf das Glas.

Da begann etwas zu leuchten – nicht als Flamme, sondern wie ein Bild, das aus dem Metall selbst kam. Auf der grauen Wand der Stube erschien die Gasse. Man sah den ersten Schnee eines Winters, der längst vorbei war, wie er lautlos fiel. Man sah die Kinder, ihre Mützen, ihre roten Nasen, hörte fast ihr Lachen. Dann wanderte das Bild weiter: Ein junger Soldat stand unter der Laterne, sein Mädchen hielt seine Hand. „Komm gesund zurück“, las man von ihren Lippen. Eine alte Frau setzte ihren Korb ab und wischte sich die Stirn; der Mond stand über dem Dachfirst und nickte.

Der Laternenanzünder und seine Frau saßen ganz still. „Sie kann es wirklich“, flüsterte er. „Du zeigst uns die Welt, die du erhellt hast.“ Die Laterne fühlte sich stolz und ruhig. Endlich konnte sie noch einmal nützlich sein, ohne jemandem zu schaden.

Von nun an zündeten die beiden zu Feiertagen ein kleines Flämmchen in ihr an. An den übrigen Abenden reichten ein weiches Tuch und ein warmer Atem, und die Stubenwand verwandelte sich: Frühlingsregen glitzerte, ein Musikant spielte unter der Laterne, ein Kind fand seinen verlorenen Ball, weil das Licht genau dort hinfiel. Es waren kleine Dinge, doch sie machten die Stube groß wie eine ganze Stadt.

Einmal spähten die Irrlichter neugierig zum Fenster herein. „Kommst du nicht doch mit uns?“, zischten sie. Die Laterne stand still. In der Fensterscheibe spiegelte sich der Mond, der freundlich lächelte. Die Irrlichter huschten davon, dorthin, wo niemand einen Weg braucht.

Die alte Straßenlaterne kehrte nie in die Gasse zurück. Aber sie tat, was sie immer am liebsten getan hatte: Sie brachte Licht. Manchmal als kleine Flamme, viel öfter als Erinnerungen, die warm und wahr das Zimmer erhellten. Und jedes Mal, wenn eine liebe Hand sie rieb und ein guter Atem sie wärmte, wurde die Vergangenheit wieder hell – nicht, um festzuhalten, was vergangen war, sondern um dankbar zu sein für das, was gewesen ist.

The End

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