Äsop
Der Wolf im Schafspelz
Einst, auf einem ruhigen Hang, knabberte eine Herde weicher, weißer Schafe Gras. Ein Hirte wachte über sie mit seinem treuen Hund. Nicht weit weg versteckte sich ein hungriger Wolf hinter einem Busch. Sein Bauch knurrte, und seine Augen folgten den Schafen.
"Ich muss schlau sein", flüsterte der Wolf. "Wenn ich auf sie zurenne, wird mich der Hirte verjagen. Ich brauche einen Trick."
Als die Sonne über den Himmel zog, fand der Wolf etwas, das an einem dornigen Zweig hängen geblieben war. Es war eine alte Schafshaut, die nach dem Scheren zurückgeblieben war. Die Augen des Wolfes leuchteten auf. "Aha!", sagte er. "Wenn ich wie ein Schaf aussehe, kann ich direkt in die Herde spazieren."
Er zog das Schafsfell über seinen Rücken. Es kitzelte seine Nase, und er versuchte ein sanftes "Mäh". Er übte, langsam zu gehen, den Kopf unten, genau wie ein sanftes Schaf. Dann, Schritt für vorsichtigen Schritt, schloss er sich der Herde an. Die anderen Schafe schnüffelten. Sie hörten das "Mäh" und sahen das flauschige Fell. Sie dachten, er sei nur ein sehr großes, sehr ruhiges Schaf.
An diesem Abend zählte der Hirte seine Tiere. "Eins, zwei, drei…" Er tätschelte ihre wolligen Rücken. Als er zu dem Wolf im Schafspelz kam, nickte er. "Was für ein pralles Schaf", sagte er zu seinem Hund. "Dieses wird perfekt für unser Abendessen sein." Das Herz des Wolfes pochte. Er versuchte, wie ein Schaf zu lächeln. Er hielt sehr, sehr still.
Der Hirte führte die Herde in den Pferch, einen sicheren, gemütlichen Ort mit einem Zaun und einem Tor. Dann nahm er das größte "Schaf" beiseite. Der Wolf fühlte sich stolz auf seinen Plan. "Sie glauben mir", dachte er. "Bald werde ich ein Festmahl haben!"
Aber der Hirte war weise. Als er seine Hand auf die dicke Wolle legte, fühlte er etwas Hartes und Scharfes darunter. Er hob den Rand des Schafsfells an und sah helle Augen und große, spitze Zähne. "Oh!", sagte der Hirte leise. "Das ist gar kein Schaf. Das ist ein Wolf im Schafspelz."
Ohne Aufsehen zu machen, rief der Hirte seinen Hund. Zusammen beendeten sie den fiesen Trick des Wolfes auf der Stelle, und die Herde war wieder sicher. Die anderen Schafe drängten sich eng zusammen und fühlten sich ruhig. Der Hirte schloss das Tor und streichelte ihre Wolle. "Ihr seid jetzt sicher", sagte er. Der Hund wedelte mit dem Schwanz und hielt Wache.
Der Hang wurde wieder still. Der Mond ging auf, und die Sterne kamen heraus. Die Schafe drifteten in den Schlaf, warm und gemütlich in ihrem Pferch. Der Hirte saß an der Tür und dachte über den Tag nach.
Am Morgen sagte er zu den Lämmern: "Denkt daran, meine Kleinen, ein weicher Mantel macht kein sanftes Herz. Schaut genau hin. Hört genau hin. Nicht alles ist, wie es scheint."
Und das ist, warum die Leute sagen: "Der Schein kann trügen."
Ende
