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Der Wacholderbaum

Brüder Grimm

Der Wacholderbaum

Eines Wintertages stand eine Frau im Garten unter einem alten Wacholderbaum. Der Schnee lag weiß und still. Als sie einen Apfel schälte, schnitt sie sich in den Finger, und drei Tropfen Blut fielen auf den Schnee. Es sah so schön aus, rot auf weiß, dass sie sich wünschte: "Wenn ich doch ein Kind hätte, ein Kind so rot wie Blut und so weiß wie Schnee!" Der Frühling kam, die Apfelbäume blühten, und bald trug sie ein Kind unter ihrem Herzen.

Als das Baby, ein kleiner Junge, geboren wurde, wurde sie so glücklich, dass Tränen glänzten. Aber ihr Glück wurde so tief und schwer, dass sie krank wurde, und nach einiger Zeit starb sie leise. Der Mann begrub seine Frau unter dem Wacholderbaum, wo sie sich ihr Kind gewünscht hatte. Der Baum suchte süß, als ob er über sie wachte.

Nach einiger Zeit heiratete der Mann wieder. Die neue Frau hatte auch ein Kind, ein kleines Mädchen namens Marlinchen. Marlinchen war sanft und gut, und sie liebte ihren Bruder. Aber die Stiefmutter schaute den Jungen mit harten Augen an. Sie wusste, dass er der Erstgeborene war und eines Tages erben würde. Eifersucht wuchs in ihr wie ein Schatten.

Eines Tages, als der Wind mild war und der Wacholderbaum raschelte, sagte die Stiefmutter: "Möchtest du einen feinen, roten Apfel?" Der Junge nickte. "Geh zur Truhe in der Kammer und nimm einen", sagte sie. Die Truhe war groß, mit einem schweren Deckel. Der Junge lehnte sich hinein, um den Apfel zu erreichen, und genau dann schlug der Deckel mit einem harten Geräusch zu. Alles wurde still. Der Junge bewegte sich nicht mehr.

Die Stiefmutter bekam Angst vor dem, was sie getan hatte. Sie setzte den Jungen auf einen Stuhl am Tisch, band ihm ein Tuch um den Hals und legte einen Apfel in seine Hand, so dass es aussah, als säße er ruhig da. Als Marlinchen hereinkam, rief sie glücklich: "Bruder, willst du spielen?" Aber er antwortete nicht. Sie berührte ihn, und er neigte seinen Kopf seltsam. Marlinchen begann zu weinen. "Was habe ich getan?", flüsterte sie vor Schreck.

"Sag nichts", flüsterte die Stiefmutter schnell. "Dein Vater wird bald zu Hause sein. Hilf mir, den Tisch zu decken." Als der Vater nach Hause kam, kochte die Stiefmutter einen Topf Fleischsuppe. Sie servierte sie mit einem freundlichen Lächeln. Der Vater aß, müde und hungrig, und sagte immer wieder: "Das ist die beste Suppe, die ich je geschmeckt habe." Er ahnte nichts. Marlinchen saß still und weinte in ihre Schürze.

Als die Mahlzeit vorbei war, schlich sich Marlinchen weg. Sie sammelte vorsichtig die kleinen Knochen ihres Bruders, wickelte sie in ein weiches Seidentuch und trug sie hinaus. Unter dem Wacholderbaum grub sie mit ihren Händen in die Erde. Sie legte das Bündel hinein, glättete die Erde und flüsterte: "Schlaf gut, Bruder." Dann begann der Wacholderbaum tief zu rascheln, und die Luft wurde warm und still. Aus den Zweigen stieg ein leichter Nebel auf, und hoch oben flog ein Vogel heraus – glänzend, schön und stark.

Der Vogel setzte sich auf einen Ast und sang mit klarer Stimme:

"Meine Mutter, die mich schlachtete, mein Vater, der mich aß, meine Schwester Marlinchen suchte meine Gebein, band sie in ein seidnes Tuch, legte sie unter den Machandelbaum. Kywitt, kywitt, was für ein schöner Vogel bin ich!"

Der Vogel flog zum Dorf. Er setzte sich auf einen Fensterims bei einem Goldschmied. Der Goldschmied hielt inne, so bewegt von dem Lied, dass er mit einer glitzernden goldenen Kette herauskam. "Sing noch einmal, lieber Vogel", bat er. Der Vogel sang die Strophe, und die goldene Kette leuchtete wie die Sonne. "Das ist für dich", sagte der Goldschmied. Der Vogel nahm die Kette in seinen Schnabel und flog weiter.

Dann setzte sich der Vogel auf das Dach bei einem Schuhmacher. Die Tochter des Schuhmachers hielt inne beim Leisten und lauschte. "Sing noch einmal, bitte, Vogel", rief sie und hielt ein Paar rote Tanzschuhe hin. Der Vogel sang:

"Meine Mutter, die mich schlachtete, mein Vater, der mich aß, meine Schwester Marlinchen suchte meine Gebein, band sie in ein seidnes Tuch, legte sie unter den Machandelbaum. Kywitt, kywitt, was für ein schöner Vogel bin ich!"

Das Mädchen gab dem Vogel die Schuhe. "Gib sie jemandem, der Freude braucht", sagte sie. Der Vogel nickte und flog zur Mühle am Bach. Das Mühlrad donnerte, aber als der Vogel sang, fiel alles in Stille, und die Müller kamen heraus. "Sing noch einmal, seltsamer Vogel!", riefen sie und rollten einen runden, schweren Mühlstein als Geschenk heraus.

Der Vogel sang seine Strophe noch einmal, und die Müller lächelten und wischten sich Mehl von den Händen. Der Vogel rollte den Mühlstein mit dem Wind im Rücken, nahm die Kette und die Schuhe in seinen Schnabel und flog nach Hause zu dem Haus, wo der Vater, die Stiefmutter und Marlinchen lebten.

Der Vater saß am Tisch, müde und mit einem trüben, grauen Blick. Marlinchen stand in der Tür, ihre Augen rot vom Weinen. Die Stiefmutter lief ruhelos hin und her, als ob etwas Schweres auf ihr Herz drückte. Dann setzte sich der Vogel in den Wacholderbaum draußen und sang mit einer klaren und sanften Stimme. Der Vater lauschte und spürte, wie sich der Kummer ein wenig lichtete.

Der Vogel ließ die goldene Kette durch das Fenster hinuntergleiten. Sie fiel direkt in die Hände des Vaters. "Für dich", sang der Vogel, "damit du dich an Liebe erinnerst und klar siehst." Der Vater legte die Kette um seinen Hals und fühlte sich plötzlich warm und stark.

Dann flog der Vogel zu Marlinchen und legte die roten Schuhe in ihren Schoß. "Für dich", sang er, "damit deine Füße dich weg von Tränen und in Freude tragen." Marlinchen zog die Schuhe an, und zum ersten Mal seit langer Zeit lächelte sie durch ihre Tränen. Sie begann kleine, weiche Schritte im Hof zu tanzen.

Da wurde die Stiefmutter besorgt. "Ich spüre die Hitze vom Feuer", murmelte sie, und ihr Herz pochte hart. Der Vogel schwebte über ihr und flüsterte: "Und zu dir kommt, was die Welt wiegt." Mit einem wirbelnden Wind und einem Summen der Luft ließ der Vogel den Mühlstein fallen.

Der Boden bebte. Als sich der Staub legte, war alles still. Der schwere Stein lag still, und der harte Blick der Stiefmutter war nicht mehr. Der Wacholderbaum raschelte tief, aber nicht mehr wie ein Seufzer, mehr wie eine Erlösung.

Aus dem sanften Rauch der Zweige kam der Vogel herab und landete im Hof. Er blinzelte Marlinchen an, und im nächsten Moment stand da ein Junge, lebendig und ganz. Seine Augen waren dasselbe Blau wie zuvor. "Schwester", sagte er und nahm ihre Hand. Marlinchen warf ihre Arme um seinen Hals, und der Vater rannte vor und hielt sie beide, mit der goldenen Kette glänzend an seiner Brust.

Zusammen gingen sie ins Haus. Sie öffneten die Fenster, damit der Duft vom Wacholderbaum hereinströmen konnte. Der Vater stellte Brot und Milch hin. Marlinchen tanzte in ihren roten Schuhen, und der Junge lächelte sie an. Draußen im Garten stand der Wacholderbaum still und stark, wie ein Freund, der zugeschaut, geflüstert und gesungen hatte, bis die Wahrheit nach Hause kam.

Und von diesem Tag an war das Haus heller. Kummer kann schwer sein, aber Liebe ist schwerer und trägt ihn. Der Wacholderbaum raschelte, nicht mehr von Geheimnissen, sondern von Frieden.

Ende

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