Der Tannenbaum von H.C. Andersen
H.C. Andersen
6-9 Jahre
3 min
Ein kleiner Tannenbaum will nur groß und wichtig sein. Als Weihnachtsbaum glänzt er kurz – doch was bleibt? Eine berührende Geschichte über Geduld, Vergänglichkeit und das Glück im Jetzt.

Der Tannenbaum

Mitten im Wald stand ein kleiner Tannenbaum. Er war frisch und grün, aber er war nicht zufrieden. „Wachse, wachse!“, dachte er jeden Tag. Wenn die warmen Sonnenstrahlen ihn streichelten und der Wind durch seine Nadeln sang, riefen sie: „Freu dich über das, was du bist! Das Leben ist schön!“ Doch der Tannenbaum seufzte nur. Wenn ein Hase über ihn hinwegsprang, schämte er sich dafür, so klein zu sein. Er wollte schnell groß und wichtig werden.

Im Herbst kamen die Holzfäller und fällten die hohen, stolzen Tannen. Die Vögel zwitscherten, dass aus manchen mächtigen Stämmen Masten für große Schiffe würden. „Dann sieht man die Welt!“, dachte der kleine Baum und träumte davon, selbst einmal so zu sein. Im Winter, kurz vor Weihnachten, kamen Menschen und schnitten junge, schöne Bäume. Sie wurden auf Schlitten geladen und fortgebracht. „Wohin?“, flüsterten die kleinen Büsche. Ein Spatz piepste: „In die Stadt! In warme Stuben! Sie werden geschmückt und von Lichtern umglänzt. Kinder tanzen um sie herum.“ Da begann das Herz des Tannenbaums noch stärker zu pochen. „Wenn ich doch auch dorthin dürfte!“, dachte er. „Wenn man mich mit goldenen Nüssen, bunten Äpfeln und Kerzen schmücken würde!“

Der nächste Frühling kam, der Sommer ging, und der Tannenbaum wuchs. Im Herbst wurde er breit und kräftig, und als der Winter wieder nahte, blieb er ganz still vor Erwartung. Eines Morgens kamen Männer. Sie betrachteten ihn, nickten und sprachen: „Der ist schön!“ Dann drang die Axt in sein Holz. Es tat ihm weh, und er zitterte. Er dachte an seine alten Nachbarn im Wald, an den warmen Sonnenschein und die Vögel. Aber nun war es zu spät. Der Tannenbaum fiel und wurde auf einen Wagen gebunden.

In der Stadt stellte man ihn in einen großen Saal. Ein Diener setzte seinen Stamm in einen Eimer mit Sand. Dann ging es los: Menschen schmückten die Zweige mit bunten Äpfeln, glänzenden, vergoldeten Nüssen und kleinen Körbchen voller Süßigkeiten. Zwischen den Nadeln hingen Papiergirlanden, und auf die Spitze setzten sie einen goldenen Stern. Zuletzt wurden überall kleine Wachskerzen befestigt. Der Tannenbaum staunte und hielt ganz still. „Heute Abend“, flüsterte man, „kommt die Überraschung.“

Am Abend wurden die Kerzen angezündet. Das ganze Zimmer duftete nach Harz und Gebäck. Wie hell das war! Der Tannenbaum zitterte vor Freude und ein wenig vor Angst, denn das Feuer war nahe. Kinder stürmten herein, sie klatschten, tanzten und riefen: „Wie schön! Was für ein herrlicher Baum!“ Die Großen lächelten. Ein älterer Mann setzte sich und erzählte ein Märchen. Der Tannenbaum lauschte mit klopfendem Herzen. Er hörte von Prinzen und tapferen kleinen Figuren, und er fühlte sich groß und wichtig. Als die Geschichte zu Ende war, durften die Kinder die Äpfel und Nüsse pflücken. Die Körbchen wurden geleert, kleine Geschenke unterm Baum gefunden. Der Tannenbaum stand ganz still, obwohl es manchmal an ihm ruckte und die Nadeln stachen.

„Morgen wird es sicher wieder so sein!“, dachte er glücklich, als es still wurde. Doch am nächsten Morgen kam niemand, um die Kerzen anzuzünden. Stattdessen trugen Diener ihn in einen dunklen Dachboden. „Warum bin ich hier?“, flüsterte der Tannenbaum. „Vielleicht warten sie, bis ich mich ausruhe. Vielleicht werde ich im Frühling wieder in die Erde gepflanzt!“ Er stellte sich vor, wie die Sonne wieder auf seine Zweige fiel, und hoffte.

Es wurde still um ihn. Nach einer Weile scharrte es im Dunkeln. Kleine Mäuse huschten neugierig heran. „Wer bist du?“, piepsten sie. „Ich bin ein Tannenbaum“, sagte er stolz. Die Mäuse hatten noch nie von Wäldern gehört. Da erzählte der Tannenbaum vom grünen Moos, vom Vogelgesang, vom Schnee, der wie eine weiche Decke auf den Zweigen liegt. Die Mäuse rissen die Augen auf. „Noch mehr!“, riefen sie. Er erzählte vom Abend mit den Lichtern und den fröhlichen Kindern. „Gab es auch Speck und Käse?“, quiekten plötzlich Ratten, die dazugekommen waren. „Ich weiß nur von Äpfeln und Nüssen“, sagte der Baum. „Langweilig“, brummten die Ratten und gingen. Danach kamen auch die Mäuse seltener. Der Tannenbaum wurde wieder allein. Er dachte an den Wald und fühlte, wie seine Nadeln trocken wurden.

Schließlich brach der Frühling an. Eines Tages öffnete sich die Dachbodentür, und Leute trugen den Tannenbaum ins Freie. Die Luft war warm, die Vögel sangen. „Jetzt werde ich eingepflanzt!“, dachte er voller Hoffnung. Aber sie stellten ihn nur in einen Hinterhof, ganz in die Ecke. Sonne fiel auf ihn, doch sie tat ihm nicht mehr gut. Die Zweige waren braun und schlaff. Kinder kamen und spielten. Einer riss ihm den goldenen Stern von der Spitze. „Schau, was ich gefunden habe!“, rief er. Dann kamen Männer mit einer Säge. „Der taugt nicht mehr“, sagten sie leise. Der Tannenbaum wurde in Stücke geschnitten.

Im Ofen knackten die trockenen Scheite. Jede Flamme erinnerte den Tannenbaum an etwas Schönes: wie der Hase früher über ihn sprang, wie der Schnee auf ihm geglitzert hatte, wie hell die Kerzen leuchteten und wie er Märchen gehört hatte. Er dachte: „Hätte ich mich doch gefreut, als ich klein war. Hätte ich den Wald, die Sonne und den Schnee geliebt, statt immer nur mehr zu wollen.“ Dann wurde es still. Nur ein Häufchen Asche blieb.

Und niemand aus dem Hause dachte mehr an den Tannenbaum. Aber wer diese Geschichte hört, versteht, was der kleine Baum zu spät begriff: Dass jede Zeit im Leben ihren eigenen Glanz hat, und dass man sie lieben soll, solange sie da ist.

The End

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