Der standhafte Zinnsoldat
Es war einmal ein kleiner Junge, der zum Geburtstag eine Schachtel mit fünfundzwanzig Zinnsoldaten bekam. Sie waren alle aus demselben alten Zinnlöffel gegossen und trugen rote Mäntel und glänzende Gewehre. Nur einer von ihnen hatte nur ein Bein: Beim Gießen war das Zinn ausgegangen, doch er stand genauso aufrecht und stolz wie die anderen. Als der Junge die Soldaten auf den Tisch stellte, dachte man gleich: Das ist ein standhafter Kamerad.
Auf dem Tisch war eine ganze kleine Welt aufgebaut. Es gab ein Papierschloss mit Türmchen, eine Spiegelpfütze, die einen See darstellen sollte, und davor tanzte eine Papierballerina in einem zarten Kleid. Sie hatte eine glitzernde Rosette auf der Brust und stand auf einem Fuß, den anderen hoch erhoben. Von der Seite sah es fast so aus, als habe auch sie nur ein Bein.
Der Zinnsoldat mit dem einen Bein konnte den Blick nicht von ihr abwenden. „Sie ist so leicht, so mutig“, dachte er. „Wenn ich nur wagen dürfte, ihr nahe zu sein.“ Aber er sagte nichts. Ein Soldat hat Haltung zu bewahren. Er blieb an seinem Platz, den Blick zum Papierschloss gerichtet, und wachte wie auf Posten.
Als es Nacht wurde und der Junge zu Bett ging, erwachten die Spielsachen. Die Bilder an den Wänden flüsterten, das Krokodil aus Holz schnappte leise ins Leere, und sogar der kleine Schachtelkobold steckte den Kopf aus seiner Dose. Er warf dem Zinnsoldaten einen schiefen Blick zu und zischte: „Sieh nicht so nach dem Fräulein! Augen geradeaus!“ Der Zinnsoldat tat, als hätte er es nicht gehört. Er stand still, ganz still, und betrachtete die Ballerina, die in ihrer leichten Pose verharrte.
Am nächsten Morgen stellte der Junge den einbeinigen Soldaten auf die Fensterbank, vielleicht weil die Sonne so schön schien. Wer weiß, ob es der Wind war oder der neidische Kobold, der an der Fensterlade rüttelte – plötzlich sprang diese auf, und der Zinnsoldat stürzte aus dem Fenster. Er fiel kopfüber, das Gewehr fest an der Seite, und landete mit dem Helm nach unten in der Rinnsteinrinne. Es begann zu regnen. Das Wasser schoss in Bächen die Straße hinab.
Zwei Jungen kamen gelaufen, falteten flugs ein kleines Schiffchen aus Zeitungspapier und setzten den Zinnsoldaten hinein. „Schiff ahoi!“ riefen sie, und schon trieb das Boot los, schneller und schneller. Der Soldat stand mitten im Schiff, so aufrecht, wie er konnte. Die Flut trug ihn unter Brücken hindurch, an dunklen Mauern vorbei, und das Wasser gluckerte laut.
Da zeigte sich eine große Ratte aus dem Abfluss, mit sprühenden Schnurrhaaren und glitzernden Augen. „Passierschein!“ kreischte sie. „Maut! Sonst kommst du hier nicht durch!“ Der Zinnsoldat antwortete nicht. Er hielt sein Gewehr, stand fest und ließ sich vom Wasser forttragen. Die Ratte rannte ihm nach und fletschte die Zähne, doch der Strom packte das Papierboot und wirbelte es in einen tiefen Kanal.
Dort wurde es finster, und das Wasser schlug hoch. Das kleine Boot schwankte, das Papier wurde weich, und ein Wirbel zog alles mit sich. Der Zinnsoldat blieb ruhig, auch als eine große Welle das Boot überschlugen ließ. Da tat sich ein schwarzes Maul auf – ein Fisch schnappte nach ihm und verschluckte ihn påff in einem einzigen Happen.
Im Bauch des Fisches war es eng und still. Der Zinnsoldat konnte nichts sehen, nichts hören. Doch er stand, so gut es ging, auf seinem einen Bein und dachte an die Ballerina, die mit der Rosette auf der Brust so leicht und schön dagestanden hatte. „Standhalten“, sagte er leise zu sich. „Ein Soldat hält stand.“
Wie lange er so stand, wusste er nicht. Plötzlich ging es ruckartig auf und ab. Ein Netz hatte den Fisch gefangen; in der Küche wurde er auf den Tisch gelegt. Die Köchin rief: „Wie prächtig! Der kommt in die Pfanne!“ Mit einem großen Messer schnitt sie den Fisch auf – und da lag, zwischen Gräten und Wasser, der einbeinige Zinnsoldat, so glänzend und aufrecht, wie er nur konnte.
„Schaut mal, wen wir da haben!“ rief die Köchin und trug ihn in das Zimmer. Dort standen das Papierschloss, die anderen Spielsachen – und die Ballerina auf einem Fuß, gerade so, als hätte sie die ganze Zeit nur auf ihn gewartet. Der Zinnsoldat hätte jubeln mögen, aber er sagte nichts. Er nahm wieder Haltung an, und seine Augen fanden ihre.
Vielleicht aus Übermut, vielleicht aus Laune nahm der kleine Junge den Zinnsoldaten und warf ihn plötzlich in den Ofen. Die Kohlen glühten rot, die Hitze stieg auf. Der Zinnsoldat fühlte, wie ihm ganz warm wurde, doch er stand, so fest er konnte, und seine Augen ruhten auf der Ballerina. Er dachte, er höre ein leises Knistern, als ob jemand flüstere: „Standhaft bis zum Schluss.“
In diesem Augenblick ging die Tür auf, ein Zug Wind fuhr durch das Zimmer, ergriff die leichte Papierballerina und trug sie, wie eine Feder, direkt ins Feuer. Sie flackerte kurz auf, ihr Kleidchen leuchtete hell – dann war sie verschwunden. Der Zinnsoldat sah es und rührte sich nicht. Sein Herz schien zu schmelzen, aber er blieb, wie er war: ein Soldat.
Am nächsten Morgen, als der Ofen kalt war, fegte das Mädchen die Asche aus. Zwischen den grauen Flocken fand sie ein kleines Stück glänzendes Metall in der Form eines Herzens. Vom Tanzfräulein lag nur die Rosette da, ganz schwarz geworden, aber man sah noch, dass sie einst geglitzert hatte. Das Herz nahm man in die Hand: Es war aus Zinn, fest und still, wie der Soldat selbst es gewesen war.
So endete die Geschichte vom einbeinigen Zinnsoldaten, der nie wankte, nicht im Regen, nicht im Dunkel eines Fisches, nicht im Feuer. Er hielt stand – und sein Herz blieb treu.






















