Der Springfrosch
In einem alten Königreich lebten drei kleine Meister des Sprungs: ein winziger Floh, ein grüner Grashüpfer und ein runder, freundlicher Springfrosch aus dem Schlossgraben. Jeder prahlte, der beste Springer der Welt zu sein.
„Ich bin von edlem Blut“, piepste der Floh und zwirbelte stolz seine winzigen Schnurrhaare. „Ich wohne auf seidenen Kissen und kann springen, ohne dass man es überhaupt sieht!“
„Ich komme von den Feldern“, zirpte der Grashüpfer und rieb sich die Flügel. „Ich bringe Musik, und wenn ich springe, hört die Wiese zu! Ich bin stark in den Beinen und leicht im Kopf – so springt man am höchsten!“
Der Springfrosch saß still und blinzelte. „Ich bin nicht vornehm und ich musiziere nicht“, quakte er ruhig. „Aber ich weiß, wohin ich springe. Ein guter Sprung ist nicht nur hoch, er trifft auch genau den richtigen Platz.“
Diese Worte trugen sich bis in den Palast. Der König, der gerne etwas zu lachen hatte, ließ alle drei in den großen Saal rufen. Die Prinzessin setzte sich neben ihn, und der ganze Hof versammelte sich: Hofdamen flüsterten, Kammerherren räusperten sich, und die Wachsoldaten versuchten sehr ernst zu gucken.
Der König erklärte: „Wer von euch dreien am höchsten springt, soll den größten Preis gewinnen, den ich geben kann: die Hand der Prinzessin! Springt, ihr Meister, und zeigt uns, was ihr könnt.“
Zuerst war der Floh an der Reihe. Er verbeugte sich mit einer so vornehmen Geste, dass eine Hofdame beinahe in Ohnmacht fiel, und spannte dann all seine winzige Kraft an. Eins, zwei, drei – zack! Der Floh schoss in die Luft. Aber er sprang so unfassbar hoch und so federleicht, dass niemand ihn sah. „War das schon der Sprung?“ murmelte ein Kammerherr und blinzelte. „Ich habe gar nichts gesehen!“ „Eben“, piepste der Floh stolz, als er wieder auf der Tischkante landete. „So hoch war es!“ Doch im Saal wurde das Flüstern lauter: „Wenn man nichts sieht, war es wohl gar nichts.“ Der Floh wurde rot vor Ärger – so rot, wie ein Floh nur werden kann.
Nun sprang der Grashüpfer. Er wippte, zirpte ein kleines Lied, machte einen eleganten Schwung – und hups! – flog geradewegs dem König entgegen. Mit einem leisen „plopp“ landete er auf der breiten, gebügelten Schulter des Königs und hielt sich an der goldenen Kette fest. „Sehr beachtlich“, sagte der König und versuchte, ernst zu bleiben, obwohl der Grashüpfer ihn am Ohr kitzelte. „Ein hübscher Sprung, aber sehr gewagt. Auf meinen königlichen Kopf zu zielen, ist nicht gerade höflich.“ Einige Hofdamen kicherten, und der Grashüpfer sprang schnell wieder herunter und strich seine Fühler glatt.
Zuletzt war der Springfrosch an der Reihe. Er saß da, als würde er schlafen. „Der kann ja gar nicht springen“, flüsterte jemand. „Er ist nur ein dicker Wasserfrosch.“ Der Frosch tat so, als hörte er das nicht. Er holte tief Luft, blickte mit runden Augen erst zum König, dann zur Prinzessin – und dann machte er nur einen einzigen, ruhigen Satz. Kein Kunststück, kein Kitzeln, kein Krach. Mit einem sanften „plopp“ landete er direkt im Schoß der Prinzessin.
Die Prinzessin stieß einen kleinen Schrei aus, dann lachte sie. Der Frosch saß bequem, schaute sie freundlich an und rührte sich nicht. Da rief der König: „Das ist der höchste Sprung! Denn wer in den Schoß meiner Tochter springt, hat den höchsten Platz erreicht, den es in meinem Reich gibt.“
„Aber ich sprang doch am höchsten, so hoch, dass mich niemand sah!“, piepste der Floh beleidigt. „Und ich sprang bis an Eure Majestät!“, zirpte der Grashüpfer empört. Der König schüttelte den Kopf. „Ein Sprung, den niemand sieht, zählt am Hof nicht. Und ein Sprung auf den König ist zu ungestüm. Der Frosch aber wählte den richtigen Ort. Er sprang dahin, wo er am meisten galt.“
Der Hof klatschte. Die Prinzessin streichelte den glatten Rücken des Frosches und lächelte. Der Springfrosch bekam, wie versprochen, den Preis: die Hand der Prinzessin und einen Platz ganz nah an ihr, so nah, dass er ihr jeden Abend Geschichten aus dem Schlossgraben quaken durfte.
Der Floh verließ wütend den Palast. „Edles Blut wird hier nicht geschätzt!“, rief er und sprang in den Ärmel eines Vorbeigehenden, um irgendwo anders bewundert zu werden. Der Grashüpfer hüpfte zurück zu den Feldern. „Man soll springen, wohin man passt“, zirpte er und spielte den Wiesen ein neues Lied.
Am Hof aber erzählte man noch lange von dem Wettkampf. Manche sagten: „Der Floh sprang am höchsten.“ Andere meinten: „Der Grashüpfer war der mutigste.“ Doch die Prinzessin lächelte und sagte leise: „Der beste Sprung ist der, der das Herz trifft.“
Und so blieb der Springfrosch im Schloss. Er sprang nicht immer am höchsten, aber immer dorthin, wo es richtig war: neben die Prinzessin, wenn sie Trost brauchte, ins Fenster, wenn die Sonne schien, und in die Gärten, wenn der Duft der Wasserrosen nach Abenteuern roch. Wer ihn fragte, wie er den Wettkampf gewonnen hatte, bekam stets dieselbe Antwort: „Ich habe nicht nur nach oben, sondern nach vorne gedacht.“
Das ist die ganze Geschichte vom Floh, dem Grashüpfer und dem Springfrosch. Und wer genau hinschaut, merkt: Im Leben kommt es nicht nur darauf an, wie hoch man springt, sondern wohin – und warum.






















