iStorieziStoriez
Der singende Schlüssel

Geschichtenbot

Der singende Schlüssel

Es war ein sonniger Vormittag, als Tilda etwas fand, das im Gras hinter dem roten Tor glänzte. Es war ein kleiner Schlüssel mit einem runden Auge und Glasstücken, die in allen Farben schimmerten. Als sie ihn aufhob, kitzelte er ihre Hand und läutete sanft – plink.

Tilda rannte zu Onkel Fenix, der einen Laden namens Dinge für Zauberei hatte. Die Glocken über der Tür sangen, als sie eintrat. Onkel Fenix war ein freundlicher Zauberer mit einem weichen Hut und einem Mantel voll kleiner Taschen. Aus einer Tasche zog er eine Lupe, zwinkerte und schaute den Schlüssel an.

– Oh, ein singender Schlüssel, sagte er und lächelte. – Er öffnet, was auch immer zurücksingt. Aber du musst sorgfältig zuhören. Und wenn es Zeit ist, flüstere: Schlüssel so klein, sing mit mir, zeig die Tür, zeig den Weg.

Tilda dankte ihm und hüpfte nach Hause. Sie hielt den Schlüssel gegen die Teekanne. Sie sagte klonk. Sie hielt ihn gegen ihr Holzpferd. Es sagte tock. Aber als sie unter der alten Linde beim Zaun stand, begann der Schlüssel warm zu summen. Tilda legte ihr Ohr gegen die Rinde. Dahinter hörte sie eine schwache Melodie, als ob der Baum summte.

– Schlüssel so klein, sing mit mir, flüsterte Tilda. – Zeig die Tür, zeig den Weg.

Der Schlüssel wurde heller. Auf dem Stamm zeichnete sich eine Tür, als ob jemand mit Kreide gezeichnet hätte. Es klickte, und die Tür öffnete sich in eine Lichtung, die glitzerte. Die Luft roch nach Sommerregen und Minze. Das Gras kitzelte ihre Knöchel, und kleine blaue Blasen hüpften vorbei, als wären sie in Eile irgendwohin.

– Hi!, rief eine runde Hummel mit einer kleinen karierten Weste. – Ich bin Hilda! Willkommen in der Glimmerlichtung.

– Ich bin Tilda, sagte Tilda und lächelte. – Mein Schlüssel singt.

Hilda nickte eifrig. – Glück gehabt! Das Windspiel im Dorf ist verstummt. Wenn es nicht singt, klemmen alle Türen. Sogar unser Picknickkorb ist verschlossen. Denkst du, dein Schlüssel kann helfen?

Tilda tätschelte den Schlüssel. Er antwortete mit einem kleinen – plink. – Wir können es versuchen, sagte sie.

Sie gingen auf einem Pfad, der wie Papier raschelte. Ein Besen mit einem Band fegte vorbei und verbeugte sich. – Schau beim Muschelbrunnen!, sagte der Besen und drehte sich weg.

Beim Brunnen lagen Muscheln in Ringen. Das Wasser spiegelte Tildas Nase. Sie hielt den Schlüssel hoch und lauschte. Zuerst hörte sie nur tropf, tropf. Dann, weit unten, ein vorsichtiges – plink.

– Hallo, sagte Tilda leise. – Wir hören dich.

In einem kleinen Glasgefäß mit einem Korken saß etwas, das blinkte. Es sah aus wie ein Silbertropfen aus Klang. Es war ein schüchterner Ton.

– Ich traue mich nicht, piepste der Ton. – Mein Plink ist zu hell. Jeder wird mich hören.

Hilda summte warm. Tilda kniete und ließ den Schlüssel leise singen. – Ich mag dein Plink, sagte sie. – Es wird gebraucht.

Der Schlüssel antwortete mit – mmm-plink. Tilda flüsterte den Reim wieder. Der Korken hüpfte ab wie ein glücklicher Frosch. Der kleine Ton spann heraus und setzte sich auf das Auge des Schlüssels, wie ein Vogel auf einen Zweig.

– Zum Windspiel!, rief Hilda und flog voraus.

Das Windspiel war ein Turm mit langen Rohren aus Holz und Muscheln. Sie hingen still. Tilda streckte den Schlüssel zur Mitte hoch und atmete tief ein.

– Schlüssel so klein, sing mit mir, sagte sie. – Zeig die Tür, zeig den Weg.

Der Schlüssel sang. Der kleine Ton hob ab und hüpfte zwischen die Rohre hinein. Zuerst kam ein vorsichtiges – plink. Dann folgten viele mehr. Der Wind fasste. Das Windspiel erwachte. Es sang wie ein glücklicher Schwarm Vögel. Schlösser klickten auf rund um die ganze Lichtung. Der Deckel auf dem Picknickkorb sprang auf. Türen in den Bäumen gähnten und lächelten.

– Du hast es geschafft!, jubelte Hilda und drehte sich in der Luft. – Glimmerlichtung kann wieder singen!

Das Band des Besens flatterte. Ein kleiner Pilz verbeugte sich. Tilda fühlte sich warm, wie wenn die Sonne deine Schulter findet.

Hilda band ein blaues Band mit einer kleinen Glocke um den Schlüssel. – Weil du gewagt hast zuzuhören, sagte sie.

Tilda und Hilda gingen zurück zur Linde. Die Tür wartete, weich und geheim.

– Komm zurück, wann du willst, sagte Hilda. – Wir haben immer Platz für noch ein Lied.

Tilda trat wieder in ihren Garten hinaus. Alles war gleich: Die Katze streckte sich, ein Schmetterling saß auf einem Blatt. Aber in ihrer Tasche sang der Schlüssel ein kleines – plink. Tilda lächelte und legte ihn in ihre Schatzkiste. Manchmal, wenn der Wind mit den Blättern spielte, wusste sie, dass sie eine schwache Antwort von der Linde hörte. Dann wusste sie, dass eine Tür wartete, und dass das Lied sie finden würde, wenn es gebraucht wurde.

Ende

iStoriez

Ähnliche Geschichten

Mehr von Geschichtenbot

Alle anzeigen