Der singende Knochen
Brüder Grimm

Der singende Knochen

Einst, in einem fernen Königreich, streifte ein wilder Eber durch Wälder und Felder. Er zerwühlte Gärten, jagte Reisende und ängstigte alle, die in der Nähe wohnten. Der König machte sich Sorgen um sein Volk und gab ein Versprechen ab: "Wer den Eber erlegt, soll meine Tochter, die Prinzessin, heiraten und die Hälfte meines Königreichs erhalten."

Zwei Brüder hörten die Verkündung des Königs. Der ältere Bruder war stark und stolz. "Die Prinzessin und die Hälfte des Königreichs werden mein sein", sagte er, schnallte seinen Gürtel enger und machte sich sofort auf den Weg, den Speer auf der Schulter. Der jüngere Bruder war sanft und nachdenklich. Er wartete bis zum Abend, dann nahm er den stilleren Pfad in die Wälder.

Als der jüngere Bruder unter hohen, flüsternden Bäumen wandelte, begegnete er einem kleinen, graubärtigen Mann, der hinter einem Stamm hervortrat. Die Augen des Mannes waren freundlich, aber scharf. "Ich weiß, warum du gekommen bist", sagte er leise. "Nimm diesen schwarzen Speer. Wenn du mutig und vorsichtig bist, wird ein wahrer Wurf den Eber niederstrecken."

Der jüngere Bruder verbeugte sich. "Danke", sagte er. Er ging mit festen Schritten weiter. Bald darauf brach der Eber aus den Büschen hervor, die Borsten gesträubt und die Augen funkelnd. Der jüngere Bruder schrie nicht und prahlte nicht. Er stand fest, zielte genau und schleuderte den schwarzen Speer. Mit einem dumpfen Schlag traf der Speer, und das schreckliche Tier fiel.

Er flüsterte: "Für den Frieden des Königreichs", und zog den Speer heraus. Dann hob er den Eber – schwer, aber noch tragbar – und begann den langen Heimweg. Die Sonne war tief gesunken, und der Fluss neben der Straße glänzte rot und golden. Um das Wasser zu überqueren, kam er zu einer schmalen Brücke aus abgenutzten Steinen.

In genau diesem Moment stolperte der ältere Bruder aus dem Wald. Er hatte den ganzen Tag gejagt und nicht einmal den Schatten des Ebers gesehen. Als er seinen jüngeren Bruder mit dem Tier sah, brannte sein Herz vor Eifersucht.

"Bruder!", rief der Ältere und zwang sich zu einem Lächeln. "Du hast es geschafft! Komm, du musst müde sein. Lass uns bei der Brücke rasten und aus dem Fluss trinken."

Der jüngere Bruder stellte den Eber ab. "Eine kurze Rast wäre gut", stimmte er zu. Er kniete nieder, um das Wasser in seinen Händen zu schöpfen. Doch der Neid des älteren Bruders war zu etwas Dunklem und Schrecklichem gewachsen. Er schaute sich um – die Straße war leer, der Fluss murmelte, und niemand war in der Nähe.

Er tat etwas Furchtbares. Er schlug seinen eigenen Bruder nieder und verbarg ihn unter der Brücke, wo Schilf und Schatten das Geheimnis bewahren würden. Dann hob er den Eber auf, ging geradewegs zur Halle des Königs und beanspruchte den Sieg als seinen eigenen.

Die Menschen jubelten dem älteren Bruder zu. Der König hielt sein Versprechen: Der ältere Bruder heiratete die Prinzessin, und er wurde als Held gepriesen. Niemand sprach den Namen des jüngeren Bruders aus, denn niemand wusste, wohin er gegangen war. Nur die Brücke und der Fluss wussten es.

Die Zeit verging. Das Königreich war wieder friedlich. An einem hellen Tag brachte ein Hirte seine Herde zum Grasen ans Flussufer. Als er auf der Brücke saß, um zu rasten, sah er etwas Weißes zwischen den Steinen unten – einen kleinen, glatten Knochen, bleich wie Milch. Er hob ihn auf und drehte ihn in seinen Händen. Er hatte genau die richtige Form für das Mundstück seines Horns.

Der Hirte schnitzte ihn sorgfältig, polierte ihn und fügte ihn an sein Horn. Dann hob er das Horn an seine Lippen und blies. Ein seltsamer, süßer Klang erhob sich in die Luft – so klar und rein, dass die Schafe ihre Köpfe hoben. Der Hirte spielte wieder. Diesmal schien das Horn von selbst Worte zu singen:

"Blas, blas, Hirte, auf meinem Knochen, Mein Bruder hat mich ganz allein erschlagen. Unter dieser Brücke lag mein Bett – Er nahm den Preis, mein Leben hat er verwettet."

Die Hände des Hirten zitterten. Er hielt inne, versuchte es dann noch einmal. Das Horn sang dasselbe traurige Lied. "Das ist keine gewöhnliche Musik", sagte er und erbleichte. "Der König muss es hören."

Er eilte zum Palast. Als er den Wachen erzählte, was das Horn gesungen hatte, führten sie ihn in die große Halle. Der König und die Prinzessin saßen auf ihren Thronen. Höflinge versammelten sich, neugierig. Der Hirte verbeugte sich tief. "Eure Majestät", sagte er, "hört, was mein Horn singen wird."

Er hob das Horn und blies. Dieselbe klare Stimme erfüllte die Halle:

"Blas, blas, Hirte, auf meinem Knochen, Mein Bruder hat mich ganz allein erschlagen. Unter dieser Brücke lag mein Bett – Er nahm den Preis, mein Leben hat er verwettet."

Der König erhob sich, sein Gesicht ernst. "Unter welcher Brücke?", fragte er.

"Die schmale Steinbrücke am Fluss", antwortete der Hirte. "Dort habe ich diesen Knochen gefunden."

Sofort sandte der König seine Wachen und die Hofdiener zum Fluss. Sie hoben Steine auf und zogen Schilf zur Seite. Unter der Brücke fanden sie den Rest eines armen, vergessenen Skeletts. Die Knochen wurden behutsam gesammelt und zum Palast getragen. Der Hirte fügte den Knochen wieder an sein Horn und spielte vor dem König. Das Lied erklang erneut, so klar wie die Wahrheit.

Der König wandte sich dem älteren Bruder zu – dem Mann, den das Königreich einen Helden genannt hatte. Er hatte sich gut gekleidet und gut genährt, doch nun zitterte er. "Was weißt du darüber?", fragte der König.

Die Augen des älteren Bruders huschten vom Horn zur Prinzessin, dann zum Boden. Mit dem ganzen Hof als Zuhörer stieg die Wahrheit, die er begraben hatte, auf wie der Fluss in einem Sturm. Er konnte sich nicht verstecken. Er gestand seine schreckliche Tat.

Das Herz des Königs war schwer. Er befahl, dass der ältere Bruder nach dem Gesetz gerichtet wurde, und die Strafe des Gesetzes war die härteste, die das Königreich kannte. An jenem Tag gab es keine Freude in der großen Halle.

Was den jüngeren Bruder betraf, so erklärte der König, er müsse als wahrer Retter des Landes geehrt werden. Sie legten seine Knochen an einem stillen, schönen Ort zur Ruhe, mit Blumen und einem Stein, der seine Geschichte erzählte. Der Hirte legte den singenden Knochen neben ihm ins Grab, und danach sang er nicht mehr.

Die Prinzessin stand lange am Grab, und Tränen fielen für den freundlichen, mutigen Mann, den sie niemals hatte kennenlernen können. Der König sprach leise zu seinem Volk: "Lasst uns dies erinnern: Neid wächst zum Bösen, und Lügen können nicht ewig bestehen. Wie lange es auch dauert, die Wahrheit wird ihre Stimme finden."

Und so lernte das Königreich eine harte Lektion. Mut hatte die Schlacht mit dem Eber gewonnen, doch Ehrlichkeit und Gerechtigkeit machten das Königreich wieder recht. Der Fluss floss weiter, die Brücke hielt stand, und Reisende, die sie überquerten, hielten manchmal inne, schauten auf das Wasser hinab und flüsterten ein Versprechen, reine Herzen und wahrhaftige Zungen zu bewahren, damit niemals wieder ein solches Lied nötig sein würde.

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