Der Schatten
H.C. Andersen

Der Schatten

Einst lebte ein gelehrter Mann, der gerne über das Wahre, Gute und Schöne schrieb. Er reiste in den Süden, in ein sehr heißes Land, wo die Sonne von morgens bis abends brannte. Bei solcher Hitze blieben die Menschen tagsüber drinnen und kamen erst heraus, wenn der Abend die Straßen abkühlte.

Der Gelehrte saß auf seinem kleinen Balkon und schaute hinüber zu einem Haus mit einer breiten Terrasse. Blumen rankten sich an den Geländern empor, und nachts glühte ein sanftes Licht hinter einem Vorhang. "Wer wohnt dort?", fragte er sich. "Es muss die Poesie selbst sein – die Schönheit, die dem Herzen zuflüstert." Er sehnte sich danach, es zu erfahren, doch die grelle Sonne hatte seinen eigenen Schatten so plattgedrückt, dass er dünn und winzig unter seinem Stuhl wurde.

"Geh und schau nach", flüsterte er neckend zu seinem Schatten. "Schlüpf hinüber und finde das Geheimnis jenes Lichts." Der Schatten verstand, oder so schien es. Als die Lampe im gegenüberliegenden Haus am hellsten brannte, lehnte sich der Gelehrte vor und rief leise. Der Schatten zitterte, streckte sich – wie ein Band – glitt von der Wand, über die Straße und unter den Vorhang des glühenden Fensters. Der Gelehrte wartete und wartete. Er pfiff. Er rief. Doch der Schatten kehrte nicht zurück.

Mit der Zeit, wie es Schatten tun, wuchs ein neuer aus seinen Fersen. Er war zunächst klein und schüchtern, doch nach und nach lernte er, ihm ordentlich zu folgen. Der Gelehrte kehrte in seine kältere Heimat zurück und schrieb wieder über das Wahre, das Gute und das Schöne. Manchmal dachte er an das heiße Land und das Haus mit dem sanften Licht, und manchmal dachte er an seinen verlorenen Schatten, doch das Leben ging weiter.

Eines Winterabends klopfte es an seiner Tür. Ein Fremder stand dort – so elegant, so dünn, mit einem Gesicht bleich wie Papier und Kleidern fein wie Seide. "Darf ich hereinkommen?", fragte er. "Ich habe endlich einen Körper bekommen."

"Wer bist du?", sagte der Gelehrte.

"Erkennst du mich nicht?", sagte der Fremde lächelnd. "Ich bin dein alter Schatten." Er verbeugte sich so tief, dass sein Hut fast den Boden berührte. "Ich habe viel gesehen, seit ich davonglitt. Schatten gehen dorthin, wo Menschen nicht können. Ich glitt hinter Stühlen entlang und durch Schlüssellöcher. Ich lernte, wie Menschen wirklich sind, wenn das Licht hinter ihnen steht." Je mehr er sprach, desto kälter wurde der Raum.

Der Gelehrte fröstelte. "Ich bevorzuge das Wahre und Helle", sagte er. "Es ist nicht gut, in das Verborgene und Niedrige zu spähen."

"Wahr", sagte der Schatten, "aber die Welt besteht nicht nur aus hellen Zimmern und offenen Fenstern. Ich weiß Dinge, und ich bin jetzt reich. Lass uns gemeinsam reisen. Es wird dich amüsieren, und ich werde alles bezahlen."

Sie machten einen Plan. Sie würden in eine große Stadt am Meer reisen, wo sich viele feine Leute versammelten. "Eine Bitte", sagte der Schatten. "In der Öffentlichkeit musst du mich Meister nennen, und ich werde dich meinen Schatten nennen. Es ist nur für den Schein. Die Leute lieben den Schein." Der Gelehrte runzelte die Stirn. "Nur als Scherz", sagte er schließlich. "Niemals als Wahrheit."

So reisten sie zusammen. Der elegante Schattenmann wusste genau, wie man sich vor Damen verbeugte und wie man Herren schmeichelte. Er stand niemals versehentlich im Licht. Er wusste, wann ein Lächeln falsch war und wann ein Versprechen dünn wie Papier. Der Gelehrte wurde still. Er wurde bleich. Er verbrachte mehr Zeit in seinem Zimmer, denn die Welt fühlte sich lauter und kälter an als zuvor.

Bald sprach jeder in der Stadt von dem klugen Fremden, der durch Menschen hindurchsah wie durch Glas. Die Prinzessin selbst hörte von ihm. Sie war ebenfalls klug und wünschte sich, einen Mann zu heiraten, der wahrhaftig sehen konnte, denn ein Herrscher braucht klare Augen. Sie ließ den eleganten Fremden zu sich rufen.

Der Schatten war perfekt. Er beantwortete alles gut und trug seine Weisheit wie einen Mantel. "Wie weißt du so viel?", fragte die Prinzessin.

"Ich bin gereist, wohin andere sich nicht wagen", sagte der Schatten mit einem vorsichtigen Lächeln. "Ich habe die dunklen Seiten der Menschen gesehen und ihre hellen."

Die Prinzessin war beeindruckt. "Du könntest der Richtige sein", sagte sie. "Aber wer ist die bleiche Person, die dir folgt?" Sie deutete auf den Gelehrten, der dahinter stand, wie er versprochen hatte, wie ein Schatten.

"Das?", sagte der Schatten leichthin. "Nur mein Schatten. Er ist nicht ganz gesund, und Schatten sind nicht sehr klug."

Das Herz des Gelehrten hämmerte. "Eure Hoheit", sagte er, "verzeiht mir. Ich muss sprechen. Die Wahrheit ist verdreht. Er ist mein Schatten, oder war es, vor langer Zeit." Er erzählte die ganze Geschichte – über das heiße Land, das sanfte Licht und den Schatten, der davonglitt.

Die Prinzessin lachte ein wenig, nicht unfreundlich, doch sie liebte Ordnung und mochte keine Verwirrung. Der elegante Fremde legte einen Finger an die Lippen. "Er hat Fieber", sagte er sanft. "Er glaubt, was Schatten manchmal glauben." Er sprach so ruhig, dass selbst die Wachen nickten. Bald fand sich der Gelehrte allein in einem stillen Raum mit verschlossener Tür wieder.

Später besuchte ihn der Schatten. Seine Stimme war glatt wie Seide. "Wir waren Freunde", sagte er. "Du hast mir beigebracht, im Licht zu stehen. Jetzt bin ich mehr als ein Schatten. Werde wahrhaft mein Schatten, und ich werde dich freilassen. Du sollst Kleider und einen Platz haben, und niemand wird dich belästigen."

"Ich werde niemals eine Lüge sein", sagte der Gelehrte. "Ich werde niemals vortäuschen, dass Nacht Tag ist."

"Dann wirst du nicht zu diesem glänzenden Hof passen", erwiderte der Schatten. "Hier ist der Schein alles." Er seufzte, als wäre er traurig, und glitt davon.

Der Hochzeitstag kam. Glocken läuteten. Die Stadt jubelte für die kluge Prinzessin und den klügeren Bräutigam. An jenem Morgen wurde der Gelehrte durch ein Seitentor hinausgeführt und still hingerichtet, denn der Schatten hatte es befohlen. Wenige bemerkten es; keine Ankündigung wurde gemacht. Bis zum Mittag schwoll die Musik an, und bis zum Abend funkelten Lichter in jedem Fenster.

Die Prinzessin heiratete den Schatten, und die Leute sagten, das Königreich habe niemals ein so glänzendes Paar gesehen. Sie schienen alles zu verstehen. Doch das Wahre, das Gute und das Schöne waren danach stiller, als hätten sie sich ein wenig von den hellen Zimmern und den offenen Fenstern zurückgezogen. Und niemand sprach von dem Mann, der nicht vortäuschen wollte, obwohl seine Geschichte immer noch denen erzählt wird, die zuhören.

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