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Der Rattenfänger von Hameln

Unbekannt

Der Rattenfänger von Hameln

Die Stadt Hameln lag an der Weser. Einmal füllten sich ihre Straßen mit einem unerwarteten und schrecklichen Lärm: Hunderte, ja Tausende von Ratten. Sie krochen in Speisekammern, nagten an Kornsäcken in der Mühle, bissen Löcher in Brotlaibe und kletterten sogar in die Wiegen der Kinder und erschreckten sie. Die Katzen gaben auf, die Hunde bellten sich heiser, und die Menschen wagten kaum zu schlafen. Schließlich versammelten sich alle im Rathaus und flehten den Bürgermeister um Hilfe an.

Der Bürgermeister schlug mit der Faust auf den Tisch. "Wer Hameln von den Ratten befreit, soll eine große Belohnung erhalten!", rief er. Die Ratsherren nickten, aber niemand wusste, wie man ein Meer aus Schnurrhaaren und nagenden Zähnen loswerden sollte.

Da öffnete sich die Tür, und ein Fremder trat herein. Er trug einen langen Mantel, genäht aus Stoffflicken in allen möglichen Farben: rot, gelb, grün, blau – wie ein lebendiger Regenbogen. Eine Pfeife hing an seinem Rücken, gehalten von einem einfachen Lederriemen, und in seinen Augen schimmerte etwas Entschlossenes.

"Guten Tag, meine Herren", sagte er höflich. "Ich bin ein Pfeifer. Wenn ich die Belohnung erhalte, die Ihr versprecht, kann ich Eure Stadt von Ratten befreien."

Der Bürgermeister lehnte sich vor. "Frei von Ratten? Alle?"

"Alle", antwortete der Fremde und legte seine Hand auf die Pfeife. "Ich möchte tausend Goldmünzen."

Die Ratsherren flüsterten untereinander. Tausend Münzen waren eine heftige Summe, aber die Ratten waren noch heftiger. "Tut es!", riefen die Leute draußen. Der Bürgermeister lächelte breit. "Tu dein Bestes, mein bunter Freund. Wenn du sie loswirst, bekommst du deine Münzen."

Der Pfeifer nickte, ging hinaus auf den Platz und hob die Pfeife an seine Lippen. Zuerst war es still. Dann schwebte eine Melodie durch die Luft, so seltsam und verlockend, dass sie um Schornsteine zu wirbeln und unter Türschwellen zu kriechen schien. Sie schlängelte sich wie ein silberner Faden durch die ganze Stadt.

Ratten hielten mitten im Nagen inne, hoben ihre Köpfe und lauschten. Eine nach der anderen, zwei nach zwei, in langen Reihen, kamen sie aus Kellern, Speisekammern und Brunnen. Sie blinzelten ins Licht, schüttelten ihre nassen Schnurrhaare und begannen, dem Pfeifer zu folgen, als ob die Melodie sie vorwärts trug. Kinder hielten sich an den Röcken ihrer Mütter fest und wagten zu blinzeln, erstaunt über das, was geschah.

Der Pfeifer ging voraus, schnell und sicher, und die Ratten folgten wie ein dunkles, quietschendes Band durch Hamelns Gassen. Er führte sie durch das Stadttor hinaus, hinunter zur Weser. Dort hielt er am Ufer an und ließ die Melodie anschwellen und scheinen wie die Sonne auf den Wellenkämmen. Die Ratten traten geradewegs ins Wasser, als ob die Musik eine Brücke wäre, die sie überqueren mussten. Eine nach der anderen wurden sie in den Fluss gezogen und verschwanden mit einem letzten Platsch. Als der letzte Schwanz sank, verstummte die Melodie.

Die Stadt jubelte. Menschen umarmten sich und lachten. "Wir sind gerettet!", riefen sie. Der Pfeifer trat zurück ins Rathaus und verbeugte sich. "Ich bin gekommen, um meine Belohnung zu erbitten."

Der Bürgermeister sah die Ratsherren an und schauderte bei dem Gedanken, tausend glänzende Münzen aus der Hand zu geben. Er räusperte sich. "Nun... sicherlich hast du eine gute Tat vollbracht", sagte er langsam. "Aber tausend Münzen für ein Liedchen? Das geht zu weit. Du bekommst hundert."

Die Augen des Pfeifers verdunkelten sich. "Du hast dein Wort vor der ganzen Stadt gegeben", sagte er ruhig. "Ein Versprechen wiegt mehr als Gold."

Der Bürgermeister lachte kurz und schüttelte den Kopf. "Hundert Münzen. Nimm es oder lass es."

Da hob der Pfeifer die Pfeife ein wenig, spielte aber nicht. Er sagte nur: "Ihr sollt meine zweite Melodie haben. Ich hoffe, ihr hört beim nächsten Mal besser zu." Dann drehte er sich um und ging hinaus, während der Bürgermeister mit den Schultern zuckte und den Schatz behielt.

Einige Tage vergingen. Die Ratten waren weg, und die Menschen begannen fast zu vergessen, welchen Schrecken sie gerade gefühlt hatten. Dann kam ein sonniger Morgen, als Kirchenglocken zum Gottesdienst riefen. Männer und Frauen gingen in die Kirche. Die Kinder, die zu klein waren, um stillzusitzen, blieben draußen auf dem Platz mit ihren älteren Geschwistern, neugierig und aufgeregt.

Da erklang eine neue Melodie. Sie war leicht wie Schmetterlingsflügel und warm wie Sommerwind, ein Lied, das nach Spielen, Lachen und geheimen Abenteuern klang. Der Pfeifer kam gegangen, sein bunter Mantel glänzte im Sonnenschein. Er hob die Pfeife und ließ die Melodie durch die Straßen fliegen.

Die Kinder drehten ihre Köpfe, fast als ob die Melodie sie an der Hand genommen hätte. Ein kleines Mädchen ließ ihre Puppe fallen, ein Junge hörte auf, Seil zu springen. Aus der Stadt gingen sie, glücklich, tanzend, lachend, in einer langen, bunten Reihe. "Wartet!", rief ein lahmer Junge, der an einer Krücke ging. Er lächelte und kämpfte sich weiter, aber seine Beine trugen ihn langsamer.

Der Pfeifer führte die Kinder durch das Tor hinaus, einen Pfad hinauf zu einem grünen Berg direkt außerhalb von Hameln. Als sie ankamen, stand er ein Stück entfernt und spielte eine Melodie, die weich war wie Moos. Da öffnete sich der Berg, leise und still, als ob eine Tür aus Stein schon immer dort gewesen wäre. In den Berg gingen die Kinder, eins nach dem anderen, mit Augen weit vor Wunder. Der lahme Junge kam genau an, als das letzte Mädchen verschwand. Er streckte seine Hand aus – aber da schloss sich der Berg wieder.

Zur gleichen Zeit kamen die Eltern angerannt, gewarnt von den Kindern, die die Musik nicht gehört hatten oder die angehalten hatten, um einen Schuh zu binden. Die Kirchenglocken verstummten, und Schreie erfüllten die Luft. "Unsere Kinder! Wo sind unsere Kinder?" Der Bürgermeister wurde bleicher als der Kalk an der Kirchenwand.

Der lahme Junge erzählte atemlos, was er gesehen hatte, und Tränen liefen ihm über die Wangen. "Ich folgte der Musik, aber mein Bein... Ich war zu langsam. Sie gingen in den Berg. Die Tür schloss sich."

Der Bürgermeister taumelte auf den Jungen zu, fiel auf die Knie und flehte: "Zeig uns wie! Zeig uns wo!" Die Menschen rannten zum Berg, suchten mit ihren Händen über Stein und Moos, riefen in die Stille. Aber der Berg war so hart und glatt wie immer. Keine Tür war sichtbar. Kein Ton war zu hören.

Da erinnerten sich alle an das, was der Pfeifer gesagt hatte: Ein Versprechen wiegt mehr als Gold. Und nun fühlten sich tausend Goldmünzen leichter an als eine Feder im Vergleich zu der Leere, die sich über Hameln gelegt hatte.

Jahre vergingen. Die Menschen in Hameln arbeiteten, heirateten, backten Brot und sangen, aber jedes Mal, wenn die Weser besonders klar glitzerte oder der Wind ein Pfeifen durch enge Gassen trug, hielten sie inne. Manche sagten, der Pfeifer führte die Kinder in ein Land, wo niemand krank wurde, wo die Äpfel immer reif waren und das Spiel nie endete. Andere sagten, er wollte die Welt nur daran erinnern, was ein gebrochenes Versprechen kostet. Der lahme Junge wuchs auf und wurde ein Mann, der oft bei den Kindern saß, die danach kamen, und ihnen erzählte: "Haltet euer Wort, kleine Freunde. Sagt nicht mehr, als ihr meint, und meint, was ihr sagt."

Und noch heute, wenn man nach Hameln kommt, kann man Flüstern durch die Zeit hören: über Ratten, die im Fluss verschwanden, über bunte Mäntel und Melodien, die alles verändern, und über eine Stadt, die lernte, dass ein Versprechen gehalten werden soll, wie teuer es auch scheinen mag.

Ende

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