Der fliegende Koffer
Es war einmal der Sohn eines reichen Kaufmanns. Als der Vater starb, erbte der Junge ein großes Vermögen. Doch er dachte nur an Spaß. Er kaufte kostbare Kleider, gab Feste mit süßem Gebäck und schenkte seinen Bekannten teure Dinge, damit sie ihn bewunderten. Er dachte nicht an morgen. Bald hatte er nichts mehr – nur noch ein Paar alte Pantoffeln, einen abgetragenen Morgenrock und ganz viel Kummer.
Da schickte ihm ein einziger Freund ein seltsames Geschenk: einen großen, leeren Koffer. „Wozu brauche ich einen Koffer, wenn ich nichts mehr habe?“, seufzte der junge Mann. Aus Spaß kletterte er hinein, nur um zu sehen, wie viel Platz es drin gab.
In dem Moment fiel der Deckel zu – klapp! – und der Koffer zitterte, surrte und hob ab. Er flog hoch, höher, durch die Luft, über Schornsteine, über Kirchtürme, über Felder und Meer. Der junge Mann hielt den Griff fest und wagte kaum zu atmen. „Ein Zauberkoffer!“, flüsterte er. „Wohin trägst du mich?“
Der Koffer brachte ihn weit fort, bis in ein Land, das man damals die Türkei nannte. Datteln wuchsen dort, die Häuser hatten bunte Kacheln, und die Türme waren spitz wie Nadeln. Am Rande der großen Stadt stand ein hoher Turm. Ganz oben war ein Fenster mit goldenen Gittern.
„Hier wohnt die Prinzessin“, sagte ein Wasserverkäufer in der Straße. „Eine alte Prophezeiung sagt, sie werde in der Ehe sehr unglücklich. Darum bewacht man sie streng und lässt niemanden zu ihr.“
Der junge Mann bekam ein warmes Gefühl im Herzen. „Ich will sie besuchen und ihr Gesellschaft leisten“, sagte er. Er lenkte den Koffer hinauf, direkt bis zum vergitterten Fenster. Mit einem höflichen Klopfen meldete er sich. Die Prinzessin fuhr erschrocken zurück, dann sah sie sein freundliches Gesicht und den schimmernden Koffer.
„Wer bist du?“, fragte sie leise.
„Jemand, der aus der Ferne kommt. Mein Koffer kann fliegen“, antwortete er und verbeugte sich. „Darf ich dir eine Geschichte erzählen?“
Die Prinzessin liebte Geschichten, denn in dem Turm war jeder Tag gleich. Sie nickte. Da erzählte der junge Mann so lebendig, dass die Bilder wie bunte Drachen durch den Raum zu fliegen schienen. Er erzählte von einer Teekanne, die so stolz war, dass sie fast platzte, und von einem kleinen Funken, der lernen musste, wie gefährlich er sein kann. Die Prinzessin lachte und seufzte, und ihre Augen glänzten.
„Komm wieder“, bat sie zum Abschied. „Deine Worte öffnen Fenster, die höher sind als dieser Turm.“
Er kam wieder, am nächsten Tag und am übernächsten. Jede Geschichte brachte ihnen beiden Mut und Licht. Schließlich sagte die Prinzessin: „Ich glaube, ich habe dich lieb. Aber wenn wir heiraten wollen, musst du zuerst meinen Vater und meine Mutter um Erlaubnis fragen. Sie lieben kluge Worte.“
Am folgenden Morgen flog der junge Mann im Zauberkoffer zum Palast. Wachen staunten, Diener tuschelten, und bald stand er vor dem Sultan und der Sultanin. Er verbeugte sich tief.
„Wer so hoch herbei fliegt,“ sagte der Sultan, „muss auch hoch erzählen können. Lass uns hören, was du kannst.“
Da begann der junge Mann eine neue Geschichte. Er erzählte von einem Markt, auf dem die Gewürze reden konnten: wie der Pfeffer niesen musste vor lauter Schärfe, wie der Zimt die süßesten Gedanken dachte und wie das Salz leise sagte: „Ich bin klein, doch ohne mich schmeckt nichts.“ Die Sultanin lächelte, der Sultan nickte ernst – und dann lachten beide, weil der junge Mann am Ende alle Gewürze versöhnte und ihnen beibrachte, zusammen ein köstliches Mahl zu sein.
„Du hast Herz und Verstand“, sprach der Sultan. „Wenn unsere Tochter dich liebt, sollt ihr heiraten. In sieben Tagen feiern wir eine große Hochzeit. Ganz die Stadt soll es sehen!“
Der junge Mann flog jubelnd zur Prinzessin zurück. „Es ist alles entschieden!“, rief er, und sie klatschte vor Freude. „Wir werden ein Fest haben, wie es noch keines gab!“
„Ich will der Stadt zeigen, wie sehr ich dich liebe“, dachte er später. „Ein Feuerwerk! Funken, Sterne, Feuerräder – der Himmel soll lachen!“ Er gab sein letztes Geld aus und kaufte Raketen, Knaller und Sonnenräder. Am Abend vor der Hochzeit fuhr er mit dem Koffer an den Stadtrand, stellte die Feuerwerkskisten ordentlich auf und zündete sie an.
Wie das sprühte und tanzte! Goldene Funken stiegen wie Sternschnuppen. Blaue und grüne Kugeln platzten wie Blumen. Die Leute riefen: „So etwas Schönes haben wir noch nie gesehen!“ Der junge Mann vergaß für einen Moment alles – auch den Koffer, den er in der Nähe unter einen Baum gestellt hatte.
Ein kleiner Funke segelte dorthin, leise wie eine Mücke. Er fiel auf den Kofferdeckel, glomm, biss sich fest – und plötzlich züngelte eine Flamme. Der Zauberkoffer, der so weit getragen hatte, knisterte, knackte und brannte. Als die letzte Rakete verglühte, blieben von dem Koffer nur schwarze Ascheflocken.
Am nächsten Morgen wollte der junge Mann zur Prinzessin fliegen. Doch da lag nichts mehr, worauf er steigen konnte. Er lief zum Turm, doch die Wachen schüttelten die Köpfe. „Nur durch die Luft kommt man hinauf“, sagten sie. „Und heute ist die Luft leer.“ Er bat, erklärte, weinte sogar – vergeblich.
Die Prinzessin wartete in ihrem Turmkleid und hörte auf jedes Geräusch. Kein Flattern, kein Klopfen am Fenster. Die Hochzeit wurde abgesagt. Der Sultan runzelte die Stirn, die Sultanin seufzte. Die Prinzessin weinte leise, und man zog die goldenen Gitter wieder fest zu.
Der junge Mann aber nahm seinen alten Morgenrock und wanderte fort. Er erzählte weiter Geschichten, in Dörfern und Städten, in Gasthäusern und auf Plätzen. Die Leute hörten gern zu und gaben ihm Brot und ein Bett. Seine Geschichten blieben gut – doch in jeder fehlte ein leiser, heller Klang, wie von einem Fenster, das sich hoch oben öffnet.
Manchmal, wenn der Wind stark ging und die Wolken sehr schnell zogen, blickte er zum Himmel und flüsterte: „Hätte ich doch mein Geld nicht verschwendet und mit dem Feuer vorsichtiger gespielt.“ Denn ein Funke, das wusste er nun, kann ein großes Glück verbrennen.
Und so lebte er weiter, wandernd und erzählend, mit vielen Worten im Herzen – und einer Erinnerung, die so hoch war wie ein Turm und so schwer wie Asche.






















