Der Buchweizen
Am Rand eines Dorfes lag ein breites Feld. Darauf standen Roggen, Weizen und Hafer, und nahe am Graben wuchs ein Büschel Buchweizen mit zarten, schneeweißen Blüten. Hinter dem Graben beugte eine alte Trauerweide ihre langen, grünen Zweige über das Wasser. Sie hatte vieles gesehen und kannte jedes Wetter.
Der Buchweizen war stolz auf seine weißen Blüten. Wenn der Wind über das Feld strich und die Getreidehalme sanft nicken ließ, hielt er seinen Kopf besonders hoch. „Seht nur, wie ihr euch beugt!“, rief er zum Weizen und Roggen hinüber. „Ihr lasst eure Köpfe hängen, weil eure schweren Körner euch nach unten ziehen. Ich aber trage meine Blüten leicht und frei. Ich richte mich auf und schaue gerade in den Himmel. Ich bin nicht wie ihr!“
Die Trauerweide raschelte leise und sagte mit warmer, vorsichtiger Stimme: „Stolz kann schön sein, Buchweizen, aber Weisheit ist schöner. Wer sich im richtigen Moment beugt, bleibt heil. Ich habe viele Stürme erlebt. Wenn dunkle Wolken aufziehen, ist es gut, den Kopf zu senken und die Augen zu schließen.“
„Den Kopf senken?“, spottete der Buchweizen. „Das mag für euch gut sein, die ihr alt seid und am Wasser steht. Aber ich will sehen, was am Himmel geschieht! Wenn es blitzt, will ich in das Licht schauen. Es ist gewiss nicht gefährlicher als die Sonne.“
Die Trauerweide seufzte. „Der Blitz ist kein Sonnenstrahl, er ist ein Feuerstrahl. Wenn das Gewitter kommt, legen sich Tiere ins Gras, die Vögel suchen Schutz, und die Menschen schließen Türen und Fenster. Selbst die Blumen falten ihre Kelche. Nicht aus Schwäche, sondern aus Klugheit.“ Doch der Buchweizen schüttelte trotzig seine Blüten.
Bald darauf wurden die Wolken schwer und schwarz. Der Wind mochte nicht mehr spielen, er heulte. Der Himmel wurde so dunkel, als ob jemand ein großes Tuch darüber gelegt hätte. Ein langes Grollen wanderte heran, und die erste helle Zunge des Blitzes zerschnitt die Wolken. Der Regen fiel in großen Tropfen. Weizen, Roggen und Hafer beugten sich tief, ihre Halme zitterten, aber sie hielten stand. Die Blumen am Feldrand schlossen ihre Kelche. Die Trauerweide ließ ihre Zweige weit herabhängen, als wollte sie die Erde umarmen.
Nur der Buchweizen streckte sich noch höher, als wolle er den Himmel berühren. „Ich fürchte mich nicht!“, rief er. „Ich will den Blitz ansehen!“ Kaum hatte er es gesagt, da krachte es so laut, als wäre der Himmel gesprungen. Ein gleißendes Licht schlug ganz in der Nähe ein. Es roch nach Rauch. Die Luft war heiß. Der Blitz hatte den Boden verbrannt, und wo der Buchweizen stand, war etwas Dunkles, Verkohltes in der nassen Erde.
Dann war der Sturm vorbei. Der Regen ließ nach, das Licht kam zurück, und die Sonne blinzelte durch die Wolken. Das Feld richtete sich auf. Die Tropfen an den Halmen funkelten wie kleine Perlen. Die Blumen öffneten vorsichtig ihre Kelche. Nur an der Stelle beim Graben stand der Buchweizen schwarz und starr. Seine weißen Blüten waren verschwunden, seine Stängel waren versengt; er hatte die Hitze des Blitzes gespürt und konnte sich nicht mehr erheben.
Die Trauerweide ließ ihre langen Zweige über dem Wasser hängen, und die Tropfen perlten daran herab wie Tränen. Da kamen die kleinen Vögel aus den Büschen und setzten sich in ihr Gezweig. „Trauerweide, Trauerweide“, zwitscherten sie, „warum weinst du? Der Sturm ist doch vorüber, und die Sonne scheint wieder!“
„Ich weine, weil ich gesehen habe, wie der Hochmut leidet“, flüsterte die Weide. „Der Buchweizen wollte das Feuer des Himmels mit offenen Augen ansehen. Er wollte sich nicht beugen, als es Zeit dazu war. Nun ist er verbrannt. Die anderen Halme haben sich geduckt, und deshalb sind sie verschont geblieben.“
Die Vögel schauten hinüber zu dem schwarzen Fleck am Feldrand und wurden still. „Merkt euch das“, murmelte die Weide, und ihre Blätter rauschten wie eine leise Stimme: „Wenn Gefahr heranzieht, ist es klug, den Kopf zu senken. Wer nur sich selbst und seinen Stolz sieht, übersieht, was stärker ist als er. Wer aber zur rechten Zeit nachgibt, bleibt aufrecht.“
Seit diesem Tag hörte man die Weide oft erzählen, wenn Wolken aufzogen und der Wind schwer über das Feld ging. Und die jungen Halme und Blumen, die heranwuchsen, lernten, dass sich beugen nicht gleichbedeutend ist mit unterliegen – es kann bedeuten, weise zu sein. Der Buchweizen aber blieb den Sommer über eine dunkle Erinnerung daran, wie nahe Hochmut und Fall beieinanderstehen.






















