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Däumelinchen

H.C. Andersen

Däumelinchen

Es war einmal eine Frau, die wünschte sich ein Kind. Sie besuchte eine weise alte Frau, die ihr ein Gerstenkorn gab und sagte: "Pflanze dies, und du wirst sehen."

Sie pflanzte es, und bald wuchs eine hübsche Blume. Als sich die Blütenblätter öffneten, saß ein winziges Mädchen darin. Sie war nicht größer als ein Daumen. Die Frau nannte sie Däumelinchen. Sie machte eine Walnussschalen-Wiege, eine Veilchenblatt-Decke und ein Tulpenblatt-Boot für ihr winziges Mädchen.

Eines Nachts sprang eine große Kröte durch das Fenster. "Was für eine reizende Braut für meinen Sohn!", quakte die Kröte. Sie nahm das schlafende Däumelinchen und setzte sie auf ein Seerosenblatt im Fluss, während sie und ihr Sohn ein schlammiges Heim bauten.

Als Däumelinchen erwachte, war sie ganz allein auf dem weiten Wasser. Sie weinte leise. Ein weißer Schmetterling flatterte vorbei. Däumelinchen band ihr Band an den Schmetterling, und er zog ihr Blatt wie ein kleines Boot. Die Fische im Fluss hatten Mitleid mit ihr und knabberten den Stängel des Seerosenblatts durch, damit die Kröten sie nicht erreichen konnten.

Gerade da sauste ein Maikäfer herab. "Was für ein seltsames Geschöpf!", summte er und trug sie zu einem hohen Baum. Die anderen Käfer sagten: "Sie hat keine Fühler und keine Flügel. Sie ist nicht wie wir." Der Käfer fühlte sich scheu und setzte sie sanft auf ein Gänseblümchen. Das arme Däumelinchen war wieder allein.

Den ganzen Sommer lebte sie in den Feldern und Wäldern. Sie trank Tau von Blättern und schlief in einem Grasbett. Vögel sangen ihr zu, und sie webte sich Kleider aus Blütenblättern. Aber als der Winter kam, wurde der Wind kalt, und Schnee fiel tief. Sie hatte kein warmes Zuhause und kein Essen.

Schließlich fand sie eine kleine Tür im Boden. Es war das Heim einer freundlichen Feldmaus. "Liebes Kind", sagte die Maus, "komm herein und wärme dich. Wenn du mir Geschichten erzählst, darfst du bleiben." Däumelinchen erzählte süße Geschichten, und die Maus teilte Körner und Haferbrei.

Ihr Nachbar war ein reicher Maulwurf, der in dunklen Tunneln lebte. Er mochte die Sonne oder die Blumen nicht. Er kam zu Besuch und sagte: "Was für ein ordentliches kleines Mädchen. Sie sollte meine Frau sein. Sie wird mit mir unter der Erde leben." Däumelinchen wollte nicht dort leben, wo die Sonne nie scheint, aber sie war höflich und sagte nichts.

Eines Tages grub der Maulwurf einen Tunnel zum Haus der Maus. Im Tunnel fanden sie eine Schwalbe, die am Boden lag, still und stumm. "Ein nutzloser Vogel", sagte der Maulwurf. "Lass ihn liegen." Aber Däumelinchen fühlte das Herz des Vogels sanft schlagen. Nachts brachte sie der Schwalbe eine Decke aus Stroh und ihren Blütenblatt-Umhang. Sie gab ihr Wasser aus einem Blatt und sang ihr vor. Bald öffnete die Schwalbe ihre Augen.

Als der Frühling zurückkehrte, wurde die Schwalbe stark. "Komm mit mir in die warmen Länder", zwitscherte er. "Ich werde dich auf meinem Rücken tragen." Däumelinchen schaute auf das gemütliche Heim der Feldmaus und schüttelte den Kopf. "Sie waren freundlich zu mir", flüsterte sie. Die Schwalbe flog davon.

Der Maulwurf sagte dann: "Im Herbst werden wir heiraten." Er gab Däumelinchen schwere Arbeit und sprach von dunklen Hallen und tiefen Räumen. Sie ging nach draußen, um die Sonne zu sehen, solange sie noch konnte, und rief: "Leb wohl, helle Welt."

Gerade da sauste die Schwalbe herab. "Kleine Freundin, weinst du? Komm jetzt mit mir!" Däumelinchen kletterte auf seinen Rücken und hielt das Band fest. Hinauf flogen sie, über Wälder und Seen, über hohe Berge und blaue Meere, den ganzen Weg in ein Land der Sonnenscheins.

Dort war die Luft weich und warm, und Blumen so groß wie Teller blühten überall. Die Schwalbe setzte sie auf eine weiße Blume. Darin stand ein winziger Prinz mit klaren Flügeln und einer goldenen Krone. Er war genau ihre Größe.

"Willkommen", sagte er. "Willst du Königin der Blumen sein?" Er gab ihr ein Paar schimmernde Flügel, damit sie fliegen konnte. Das Blumenvolk jubelte und brachte ihr einen neuen Namen wie ein Geschenk. "Nicht länger Däumelinchen", sagte der Prinz. "Dein Name soll Maia sein."

Däumelinchen – nun Maia – lebte glücklich unter den Blumen. Die Schwalbe sang über dem Garten und erzählte, wie das tapfere kleine Mädchen, nicht größer als ein Daumen, endlich ihr wahres Zuhause fand.

Ende

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