Das Sonnenei
Tief im weichen grünen Wald tanzte eine kleine Elfe über das Moos. Sie trug ein Blatt als Rock und ein Blütenblatt als Mütze. Das Morgenlicht schlüpfte zwischen den Bäumen hindurch und ließ den Tau funkeln.
Plötzlich blieb sie stehen. Dort, in einem Nest aus Farnwedeln, lag ein rundes, glänzendes Ding – glatt und hell wie eine kleine Sonne. „Oh!“, flüsterte die Elfe mit großen Augen. „Die Sonne hat ein Ei fallen lassen!“
Sie rannte los, um ihre Freunde zu holen. Die Hummel brummte heran. Die Schnecke lugte aus ihrem Haus. Ein Igel watschelte herbei. Ein Eichhörnchen sprang einen Stamm hinab. Sogar die Elster klapperte mit dem Schnabel und hüpfte näher.
Sie versammelten sich um den goldenen Ball. „Es muss ein Schatz sein“, sagte die Elster. „Ein sehr feiner goldener Ball.“ „Es könnte eine riesige Beere sein“, sagte der Igel und schnupperte. „Oder eine neue Art von Nuss“, riet das Eichhörnchen und tippte mit seiner Pfote darauf.
Die kleine Elfe legte ihre Wange daran. „Es ist warm“, hauchte sie. „Es riecht nach Sonnenschein. Es muss das Ei der Sonne sein.“
Gerade dann flog die Drossel von einem hohen Ast herab. Sie hatte Staub von fernen Orten auf ihren Flügeln. „Ich kenne diesen Geruch“, sagte sie und neigte den Kopf. „Er kommt aus einem Land, wo die Luft warm ist und die Tage lang sind. Dort tragen Bäume glänzende Blätter und lassen runde, leuchtende Früchte wachsen.“
„Wie heißt es?“, fragte die Elfe.
„Eine Orange“, sagte die Drossel. „Sie trinkt die Sonne und bewahrt die Süße im Inneren auf.“
Die Elfe schaute von der Drossel zu dem hellen runden Ding. „Orange“, versuchte sie und kostete das neue Wort. „Aber es sieht genau aus wie ein Sonnenei!“
„Sollen wir es öffnen und nachsehen?“, fragte das Eichhörnchen, dessen Schnurrhaare zitterten.
Vorsichtig, ganz vorsichtig, arbeiteten sie zusammen. Der Igel piekste die Haut mit seinen Stacheln an. Das Eichhörnchen knabberte einen winzigen Riss hinein. Die Elster hackte am Rand. Schließlich teilte sich die Haut mit einem leisen Seufzer, und goldener Saft rann wie Lichttropfen heraus.
Im Inneren waren ordentliche, mondförmige Stücke, alle im Kreis angeordnet. Die Elfe fing eines mit beiden Händen auf. Sie nahm einen kleinen Bissen. Ihre Augen leuchteten. „Es schmeckt wie warmer Sonnenschein“, lachte sie.
Alle teilten. Die Bienen nippten an den süßen Tropfen. Der Igel schmatzte mit den Lippen. Das Eichhörnchen steckte sich ein Stück in die Backe. Sogar die Schnecke leckte daran. Sie aßen und aßen, bis die Finger der Elfe klebrig waren und ihr Herz voll Fröhlichkeit war.
In jener Nacht lag die kleine Elfe in ihrem Moosbett und dachte an die fernen Bäume, die die Drossel gesehen hatte. Sie konnte fast die warme, blütensüße Luft riechen. „Ich wünschte, ich könnte sehen, wo Sonneneier wachsen“, flüsterte sie zu den Sternen.
„Komm mit mir“, sagte die Drossel im Morgengrauen. Sie hüpfte auf den Stein neben ihrem Bett. „Ich fliege heute nach Süden, um diese Haine zu besuchen. Setz dich leicht auf meinen Rücken, kleine Freundin.“
Die Elfe kletterte zwischen ihre gefiederten Schultern und hielt sich gut fest. Hinauf ging es, höher als die Tannenspitzen, über Seen wie silberne Spiegel und Felder wie grüne Steppdecken. Sie flogen über eine Stadt mit roten Dächern, dann über das weite, blaue Meer, wo weiße Wellen sich wie Spitze kräuselten.
Endlich wurde die Luft weich und süß. Unter ihnen lag ein Land mit weißen Häusern und dunkelgrünen Bäumen. Die Drossel schwang sich tief über einen Garten hinab. Die Bäume dort hatten glänzende, spitze Blätter und hingen voll mit runden Früchten, alle leuchtend – manche blass, manche tiefgold.
Die kleine Elfe streckte ihre Hand aus, um eine zu berühren. „So viele Sonneneier!“, rief sie. Sie sah weiße sternförmige Blüten an denselben Zweigen, und Bienen waren geschäftig zwischen ihnen. Ein Kind kam mit einem Korb vorbei und pflückte eine Orange, und die Elfe versteckte sich und kicherte leise.
„Das sind Orangen“, erklärte ihr die Drossel. „Sie wachsen im warmen Licht und trinken die Sonne für dich.“
Die Elfe drückte eine winzige Blüte an ihre Wange. „Danke, Bäume“, flüsterte sie. „Jetzt kenne ich euer Geheimnis.“
Als das Licht weicher zu werden begann, hob die Drossel sie wieder hoch. Sie flogen zurück über Meer und Feld und Wald, heim in den kühlen grünen Wald.
Ende
