Das kleine Mädchen mit den Streichhölzern von H.C. Andersen
H.C. Andersen
6-9 Jahre
3 min
In einer eiskalten Silvesternacht zündet ein Mädchen Streichhölzer an und sieht Wunder: Ofen, Festmahl, Weihnachtsbaum – und die geliebte Großmutter. Eine letzte Flamme führt sie in Wärme, Licht und Frieden.

Das kleine Mädchen mit den Streichhölzern

Es war der letzte Abend des Jahres. Schnee fiel dicht vom Himmel, und die Luft war eiskalt. In den Straßen einer großen Stadt ging ein kleines Mädchen. Sein Kopf war unbedeckt, und seine nackten Füße waren rot und blau vor Kälte. Die Flocken setzten sich auf seine hellen Haare, die sich sanft um den Nacken legten. In der Schürze trug es viele Päckchen Streichhölzer, und in der Hand hielt es ein kleines Bündel. Den ganzen Tag hatte es versucht, Streichhölzer zu verkaufen, doch niemand hatte etwas gekauft.

Als sie das Haus verlassen hatte, trug sie noch Pantoffeln, die einst ihrer Mutter gehört hatten. Sie waren viel zu groß für ihre kleinen Füße. Beim hastigen Überqueren der Straße rutschten sie ihr von den Füßen. Einen verlor sie im Schnee, und den anderen schnappte sich ein Junge und rief lachend, er wolle ihn später als Wiege für sein eigenes Kind benutzen. So ging sie nun barfuß weiter, und jeder Schritt brannte auf dem Eis.

Aus den Fenstern der Häuser leuchtete warmes Licht. Durch Türen strömte der Duft von frischem Gänsebraten, und man hörte Lachen und Musik, denn es war Silvesterabend. Das Mädchen zitterte vor Kälte und Hunger. Es hatte seit dem Morgen nichts gegessen. Seine Finger waren steif, und der Atem stieg als kleine Wolken in die Nacht. Zu Hause durfte es nicht zurückkehren: Es hatte kein einziges Streichholz verkauft, keinen Pfennig verdient, und der Vater würde zornig sein, vielleicht schimpfen und sogar schlagen. Außerdem war es in der kleinen Stube fast ebenso kalt; durch die Ritzen im Dach pfiff der Wind.

In einer schmalen Ecke zwischen zwei Häusern hockte sich das Mädchen hin. Es zog die Füße unter die Schürze, doch wärmer wurde ihm nicht. „Wenn ich nur ein Streichholz anmachen dürfte“, dachte es, „dann könnte ich mir die Finger wärmen.“ Vorsichtig nahm es ein Streichholz, strich es an der Mauer entlang – zisch! Ein helles, freundliches Licht sprang auf, so warm, als ob es ein kleiner Sonnenstrahl wäre.

In dem Schein war die kalte Mauer plötzlich wie durchsichtig. Das Mädchen meinte, ein Zimmer zu sehen, und darin stand ein eiserner Ofen mit glänzenden Messingknöpfen. Das Feuer darin knisterte und leuchtete, und wie wohlig das tat! Sie streckte die Hände aus, um die Wärme zu fühlen – da verlosch die Flamme, und mit ihr verschwanden Ofen und Zimmer. Nur die dunkle, kalte Wand blieb.

Schnell strich sie ein zweites Streichholz. Wieder breitete sich Licht aus. Nun sah sie einen Tisch mit einer schneeweißen Decke, funkelndem Porzellan und einer großen, duftenden Gans. Der Dampf stieg auf, und die Gans sprang sogar von der Platte, watschelte über den Boden, trug Messer und Gabel im Rücken und wollte gerade auf das Mädchen zu, als – zisch – das Streichholz verglomm. Die Gans, der Tisch, das warme Zimmer – alles war fort. Nur die leere, kalte Straße und der Schnee waren da.

Sie zündete ein drittes Streichholz an. Da stand vor ihr ein wunderbarer Weihnachtsbaum, größer und schöner als alle, die sie je durch Fenster gesehen hatte. Hunderte Lichter brannten an den Zweigen, bunte Bilder und glänzende Äpfel hingen daran, und alles glitzerte. Das Mädchen streckte die Hände nach den Lichtern aus. Da stieg eines davon höher und höher, zog einen goldenen Schweif hinter sich her und wurde zu einem Stern am Himmel. „Wenn ein Stern fällt“, hatte die Großmutter gesagt, „steigt eine Seele zu Gott.“ Bei diesem Gedanken wurde dem Mädchen warm ums Herz, obwohl das Streichholz längst niederbrannte und es wieder in der kalten Nacht saß.

Sie strich ein viertes Streichholz an. Im hellen, milden Glanz erschien plötzlich ihre Großmutter, so freundlich, so gut, so leuchtend, wie sie niemanden je gesehen hatte. „Großmutter!“ rief das Mädchen. „Nimm mich mit! Ich weiß, wenn das Licht ausgeht, bist du fort, so wie der Ofen, die Gans und der Weihnachtsbaum fort waren.“ Die Gestalt begann zu verblassen, als die Flamme kleiner wurde, und das Mädchen spürte die Angst in sich hochsteigen, die Angst vor der Kälte, vor der Nacht, vor dem Alleinsein.

Da fasste sie schnell das ganze Bündel Streichhölzer. Mit bebenden Fingern strich sie eines nach dem anderen an der Mauer entlang. Ein Meer aus Licht umgab sie, heller als der Tag. Die Großmutter war ganz da, viel größer, viel schöner als zuvor. Sie nahm das Mädchen auf ihren Arm. Gemeinsam stiegen sie auf, höher und höher, fort von der kalten Straße, fort von Hunger, Sorge und Tränen. Dort oben gab es keinen Frost und keine Angst mehr – nur Wärme, Licht und Liebe. Sie zogen, Hand in Hand, zu Gott.

Am Morgen, als die Sonne hinter den Dächern aufging, fanden die Menschen das kleine Mädchen in der Ecke zwischen den Häusern. Es saß still da, die Wangen rosig, der Mund, als lächle er ein wenig. In seinen Händen hielt es ein Bündel abgebrannter Streichhölzer. „Sie hat sich wärmen wollen“, sagten die Leute und schüttelten die Köpfe. Niemand wusste, welche wunderbaren Dinge sie in jener Nacht gesehen hatte, niemand ahnte, wie hell das Licht war, das sie umgeben hatte, und mit welcher Freude sie mit der Großmutter gegangen war – hinein ins neue Jahr, hinein in ein warmes, friedliches Reich ohne Kälte und ohne Hunger.

The End

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