Geschichtenbot
Das Helfer-Rad
Der Steinbaum stand mitten auf dem Platz wie ein alter Freund mit Taschen voller Geschichten. Unter seiner breiten Krone saßen Maja und Samir und zeichneten Karten von den kleinen Geheimnissen der Nachbarschaft: wo die Krähen Löffel versteckten, wie der Wind durch Wäscheleinen flüsterte und wer immer einen Fäustling verlor. Sie liebten es zu entdecken, aber noch mehr liebten sie es, etwas zu tun, um zu helfen.
Eines Montags, gefüllt mit dem Geruch von frisch gebackenem Brot und Fahrradreifen, entschieden sie sich. Sie schraubten einen Wagen mit großen, freundlichen Rädern und einem Griff zusammen, schwer wie eine Hand zum Halten. Sie bemalten ihn in Sommerstreifen – zitronengelb, tomatenrot und himmelblau – und hängten kleine, klingelnde Glöckchen an die Seiten. Drinnen bauten sie Kisten mit handgeschriebenen Schildern: Reparatur-Kiste, Zuhörer-Kiste, Schnüre und Helle Ideen, Auslei-Dinge. Dort lagen Klebeband und Schnur, Magnete und Scheren, Buntstifte und ein Kompass, eine kleine Pumpe, Gartenscheren, Verbände, eine Lupe und zwei Kekse für jeden, der sich niedergeschlagen fühlte.
– Wir rollen, sagte Samir und zog am Griff. – Das Helfer-Rad ist bereit!
Der erste Halt war der Blumenladen. Frau Rosalinda stand in der Türöffnung mit rollenden Augen und einer Schürze, gepfeffert mit Pollenkörnern. Im Laden summte es, nicht unglücklich, aber eifrig. Kleine Hummeln hatten sich zwischen den Sträußen und Schnurstümpfen verheddert.
– Sie finden den Weg nicht raus, seufzte sie. – Und meine Finger fühlen sich an wie Blaubeeren vom vielen Winken.
Maja nahm einen Lavendelzweig aus den Auslei-Dingen – sie hatten ihn letzte Woche von Frau Rosalinda bekommen – und Samir füllte eine flache Schale mit Wasser und legte kleine Steine hinein als winzige Landeplätze. Sie trugen die Schale nach draußen und hielten den Lavendel wie eine duftende Flagge. Die Hummeln folgten, eine nach der anderen, wie wenn man ein geheimes Wort flüstert und jeder es nochmal hören will. Draußen auf dem Gehweg landeten sie und tranken vorsichtig. Frau Rosalinda lachte erleichtert und steckte eine Samentüte in das Helfer-Rad.
– Für euch, sagte sie. – Damit ihr Hilfsbereitschaft säen könnt, wo immer ihr hingeht.
Am Zebrastreifen stand Herr Pindel, der große Verkehrswächter mit Stock und Pfeife. Sein Schild war heruntergefallen, was die Autos mehr verwirrt als gefährlich aussehen ließ.
– Mein Schild hat seinen Rücken verloren, murmelte er.
Maja zog eine Klammer aus der Reparatur-Kiste. Samir schraubte, Maja hielt, und das Schild erhob sich wie ein Soldat nach der Ruhepause. Herr Pindel nickte, gab ihnen einen übertrieben feierlichen Salut und ließ seine Pfeife eine kleine Fanfare als Dank singen.
Am Brunnen stand Hausmeister Koko und sah aus wie eine Wolke, die ihren Regen verloren hatte. Der Brunnen blubberte nicht. Kinder saßen am Rand und kickten gegen den Kies, als ob der Kies an allem schuld wäre.
– Der Schlüsselbund, sagte Koko. – Er ist wie ein Stein in den Gulli getaucht. Ohne die Schlüssel kann ich nichts öffnen: Luken, Schränke oder Tricks.
Zum Glück hatte das Helfer-Rad einen Magneten so groß wie eine flache Pflaume. Samir band ihn an eine Schnur. Maja ließ ihn in den Gulli hinab und lauschte. Stille. Dann ein Klirren, wie ein Löffel gegen Glas. Zusammen zogen sie einen tropfenden Schlüsselbund hoch, der glitzerte wie kleine Geheimnisse.
– Was für ein Anglerglück, krächzte Koko und drehte ein Schloss. Der Brunnen räusperte sich, rülpste ein wenig und begann zu plätschern. Eine kleine Gesellschaft schien zuerst zu jubeln – aber es war eine Schildkröte, die plötzlich hochlugte, überrascht, dass es eine Party in ihrem Zuhause gab.
– Du gehörst wahrscheinlich in den Teich, sagte Maja sanft. Sie rollten das Helfer-Rad wie eine kleine Sänfte und trugen die Schildkröte zum Park, wo das Wasser ruhig und voller kleiner, glitzernder Leckerbissen war. Hausmeister Koko gab ihnen einen alten Ringschlüssel, um ihn als Erinnerung an den Wagen zu hängen. Er klang ding-ding, wenn das Rad über die Kopfsteinpflaster hüpfte.
In der Alten Gasse saß Onkel Volter in seinem Torweg. Er spielte gewöhnlich Geige, sodass der Putz an den Häusern lächelte, aber jetzt ruhte das Instrument still in seinem Schoß.
– Die Saite ist gerissen, brummte er. – Und ich kann die neue nicht finden. Ich glaube, sie ist vor Scham weggelaufen.
Maja setzte sich neben ihn. Samir öffnete die Zuhörer-Kiste und zog zwei Kekse heraus, die sie für die kleinen Vögel zerbröselten. Sie schauten auf den Geigenkasten. Er hatte mehr Fächer als ein Zauberer.
– Wenn du eine Geigensaite wärst, die Angst hätte, wo würdest du dich verstecken? fragte Maja.
– Im schmalen Fach beim Scharnier, hörte man Onkel Volter sagen, nun ein wenig beschämt über seine Vergesslichkeit. Und dort, eingekeilt unter einem weichen Stoffstück, lag die Saite. Samir half ihm, sie zu spannen. Die Geige versuchte zu singen, erst vorsichtig, dann warm und stetig. Die Melodie, die den Torweg erfüllte, war etwas zwischen dem Tanz der Hummeln und dem Ding-ding des Ringschlüssels. Leute wurden langsamer, blieben stehen, begannen zu lächeln. Das Helfer-Rad glänzte stolz, ohne so zu tun als ob.
Dann begann es zu nieseln. Kleine, freundliche Tropfen punktierten den Boden. Am Gulli stand Iggy, mit drei Papierbooten und einem Beinahe-Schreien. Er zeigte auf die Straße, wo das Wasser seine eigenen Wege suchte.
Ende
