Das hässliche Entlein von H.C. Andersen
H.C. Andersen
3-6 Jahre
2 min
Ein graues Entlein wird verspottet, flieht durch Sturm und Winter und entdeckt am Ende sein wahres Ich. Ein zeitloses Märchen über Mut, Ausdauer und Selbstannahme. Schönheit, Hoffnung und neue Freunde.

Das hässliche Entlein

An einem warmen Sommertag saß eine Entenmutter auf ihren Eiern im Schilf. Sie wartete geduldig. Ein Ei war größer als alle anderen und ließ sich Zeit. „Vielleicht ist es ein Truthahn?“, murmelte sie. Doch sie blieb sitzen und wärmte es mit Liebe.

Plopp, plopp, plopp! Nacheinander schlüpften die Küken. Sie waren gelb und flauschig. Nur aus dem großen Ei kam zuletzt ein Küken, das groß und grau war. Sein Hals war länger, sein Gefieder war dunkel, und die anderen Küken starrten es an. „Wie hässlich!“, schnatterten sie. Die Entenmutter sagte sanft: „Er ist mein Kind. Kommt, wir gehen zum Teich.“

Am Wasser glitten die Küken ins kühle Nass. Sie paddelten fröhlich. Das graue Entlein schwamm besonders gut und tauchte mutig. „Also kein Truthahn“, sagte die Entenmutter erleichtert. Aber im Hof wurde das Entlein ausgelacht. Die Hühner kicherten, der Truthahn blähte sich auf, und sogar die eigenen Geschwister pickten es. Das Entlein wurde traurig. Es senkte den Kopf und wünschte sich, irgendwo dazuzugehören.

Eines Tages konnte es die Sticheleien nicht mehr ertragen. Es zwängte sich durch eine Hecke und lief davon. Über Wiesen und durch Pfützen kam es zu einem Moor. Dort traf es wilde Enten. „Du bist sehr hässlich“, sagten sie ehrlich, „aber wenn du uns nicht im Weg stehst, darfst du bleiben.“ Das Entlein blieb im Schilf ganz still.

Plötzlich zischten Flügel durch die Luft. Wilde Gänse riefen: „Komm mit uns!“ Da krachte es. Jäger kamen. Hunde bellten und sprangen durchs Röhricht. Das Entlein duckte sich, das Herz klopfte. Ein großer Hund steckte die Nase ins Schilf, schnupperte und lief weiter. „Warum hat er mich nicht genommen?“, flüsterte das Entlein und zitterte, bis alles wieder still war.

Bald fand es ein kleines Häuschen. Eine alte Frau wohnte dort mit einer Katze und einer Henne. „Bleib hier“, sagte die Frau. „Vielleicht legst du mir Eier.“ Die Katze schnurrte: „Kannst du schnurren wie ich?“ Die Henne gackerte: „Kannst du Eier legen wie ich?“ Das Entlein schüttelte den Kopf. „Ich liebe das Wasser und den Wind über dem Teich.“ Die beiden lachten. „Wasser! Was für eine seltsame Liebe!“ Nach einigen Tagen merkte das Entlein, dass es nicht passte. Leise schlüpfte es wieder hinaus.

Der Herbst kam. Der Wind wurde kalt, die Blätter fielen. Eines Abends sah das Entlein über sich große, schneeweiße Vögel mit langen Hälsen. Sie flogen in einer hohen, stolzen Reihe. Das Entlein fühlte etwas Neues in seinem Herzen, wie eine süße Sehnsucht. „Wer sind sie?“, flüsterte es. „Wenn ich doch so sein könnte!“

Dann kam der Winter. Das Wasser im Teich fror zu. Das Entlein schwamm und schwamm, doch das Eis schloss sich. Ein Bauer entdeckte das zitternde Tier, schlug das Eis auf und trug es nach Hause. In der warmen Stube wurde dem Entlein schwindelig vor Angst. Die Kinder lachten und klatschten in die Hände. Das Entlein sprang, stieß die Milch um, flatterte gegen Töpfe und Teller und rutschte hinaus in den Schnee. Den ganzen Winter suchte es Schutz, bis endlich die Sonne wieder wärmer wurde.

Der Frühling kam. Weiche Luft wehte über den See. Das Entlein streckte seine Flügel. Sie waren stark geworden. Es flog ein Stück, und ohne Mühe glitt es aufs Wasser. Da sah es wieder die schneeweißen Vögel. Es fasste Mut: „Ich schwimme zu ihnen. Wenn sie mich vertreiben, ist es eben so.“

Das Entlein glitt auf den klaren See und beugte den Kopf zum Wasser. Im Spiegel der Oberfläche sah es nicht mehr ein graues, struppiges Küken, sondern einen weißen Vogel mit langem, edlem Hals. Es war ein Schwan geworden! Zwei Schwäne schwammen heran, nickten freundlich und legten die Flügel schützend um ihn. Da kamen Kinder ans Ufer. „Seht nur, ein neuer! Und er ist der Schönste!“ riefen sie.

Das einstige Entlein schämte sich nicht mehr. Es dachte an die langen, kalten Tage, an Spott und Einsamkeit, und sein Herz wurde weit. Es tauchte den Kopf ins Wasser, fühlte die Sonne im Gefieder und schlug vor Freude mit den Flügeln. Es hatte seinen Platz gefunden.

The End

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