Das Feuerzeug
Ein Soldat marschierte eine staubige Landstraße entlang. Der Krieg war zu Ende, die Taschen aber leer. Da begegnete ihm eine alte Frau mit krummer Nase und einem roten Tuch um den Kopf. „Guten Tag, Soldat“, sagte sie. „Wenn du tust, was ich sage, wirst du reich.“
Sie zeigte auf einen hohlen Baumstumpf. „Klettere hinunter! Unten findest du drei Türen. In jeder Kammer sitzt ein Hund auf einer Truhe voller Geld. Der erste hat Augen so groß wie Teeschalen, der zweite Augen wie Mühlräder, und der dritte Augen so riesig wie der runde Turm der Stadt. Nimm meine Schürze, setz die Hunde sanft darauf, dann tun sie dir nichts. Du darfst dir nehmen, was du willst. Aber hol mir das Feuerzeug, das hinter der letzten Truhe liegt.“
Der Soldat ließ sich mit einem Seil hinab. Er öffnete die erste Türe: Da saß der Hund mit Augen so groß wie Teeschalen auf einer Truhe voller Kupferstücke. Der Soldat setzte den Hund auf die Schürze, füllte seine Taschen mit Kupfer, legte den Hund wieder hin und ging weiter.
In der zweiten Kammer funkelte alles silbern. Der Hund mit den Mühlrad-Augen knurrte ein bisschen, aber als er auf der Schürze lag, war er zahm wie ein Kätzchen. Der Soldat steckte sich Silber ein. In der dritten Kammer glänzte pures Gold. Der Hund mit den riesigen Augen starrte ihn an, doch auch er ließ sich auf die Schürze setzen. Der Soldat stopfte Beutel und Taschen mit Gold voll. Hinter der Truhe fand er schließlich das alte Feuerzeug.
Er rief nach der alten Frau, und sie zog ihn hinauf. „Das Geld darfst du behalten“, meinte sie. „Gib mir nur das Feuerzeug.“
„Wozu brauchst du es?“, fragte der Soldat. „Das geht dich nichts an“, zischte sie. Der Soldat mochte keine Geheimniskrämerei. „Dann behalte ich es.“ Die Alte fauchte und packte ihn. Da zog der Soldat sein Schwert, schlug zu, und die Hexe fiel um und rührte sich nicht mehr. „So, das war nicht schön, aber sie wollte mir nichts sagen“, murmelte er und ging mit seinem Reichtum in die Stadt.
Jetzt lebte er in einem schönen Zimmer, trug feine Kleider, aß leckere Speisen und gab auch den Armen etwas. In der Stadt erzählte man von einer Prinzessin, die nie auf die Straße durfte. „Eine alte Weissagung sagt, sie werde einen einfachen Soldaten heiraten“, raunte man. „Darum hält der König sie streng im Schloss.“ Der Soldat wollte sie nur einmal sehen, doch niemand durfte hinein.
Mit der Zeit merkte er, wie schnell Gold verschwindet. Eines Abends saß er wieder ohne Geld im dunklen Zimmer. „Hätte ich doch Licht“, seufzte er, „wo ist mein Feuerzeug?“ Kaum schlug er einen Funken, stand der Hund mit den Teeschalen-Augen vor ihm. „Was wünscht mein Herr?“
Der Soldat staunte. „Aha! Bring mir Geld.“ Wuff! Der Hund verschwand und kam mit einer Tasche voller Münzen zurück. Nun wusste der Soldat, dass das Feuerzeug etwas Besonderes war: Einmal Funken – der erste Hund kam. Zweimal – der zweite. Dreimal – der dritte, stärkste Hund.
In der Nacht schlug der Soldat vorsichtig zweimal Funken. Der Hund mit den Mühlrad-Augen erschien. „Was wünscht mein Herr?“ – „Ich möchte die Prinzessin sehen“, flüsterte der Soldat. Wuff! Schon trug der Hund die schlafende Prinzessin auf seinem Rücken ins Zimmer. Sie war so hübsch, dass der Soldat sie kaum anzusehen wagte. Er gab ihr einen zaghaften Kuss auf die Stirn, und der Hund brachte sie zurück, ehe der Morgen dämmerte.
Am nächsten Tag erzählte die Prinzessin ihrer Amme, sie habe wunderbar geträumt. Die Königin wurde misstrauisch. Sie befahl der Amme, nachts die Türen zu markieren. Als die Prinzessin abermals geholt wurde, machte die Amme mit Kreide ein kleines Kreuz an die Tür des Soldaten. Doch als der Hund sie zurückbrachte, bemerkte er das Zeichen. Er nahm Kreide und malte an alle Türen in der Straße dasselbe Kreuz. Am Morgen standen ganze Reihen von Türen mit Kreidezeichen da. „Wir wissen noch immer nichts!“, schimpfte die Königin.
In der nächsten Nacht streute sie Mehl und feines Brotmehl über den Boden des Schlosses. Der Hund hinterließ tiefe Pfotenabdrücke, und eine Spur führte durch die Stadt direkt zur Tür des Soldaten. Am Morgen klopften Wachen an, fanden in seinem Zimmer den Staub der Mehlspur und verhafteten ihn. Die Leute flüsterten: „Das ist der, der nachts die Prinzessin holt!“ Das Feuerzeug hatte er aus Versehen im Zimmer liegen lassen.
Im Gefängnis sagte man dem Soldaten, er solle am nächsten Tag gehängt werden. „Eine letzte Bitte?“, fragte der Kerkermeister. „Einen Pfeifentabak will ich noch rauchen“, bat der Soldat. „Mein Feuerzeug liegt in meinem Zimmer.“ Ein Bote lief los, holte es und steckte es dem Soldaten zu.
Auf dem Richtplatz stand ein hohes Gerüst, das Volk drängte sich, der König und die Königin saßen ernst in ihren Wagen, die Prinzessin blickte traurig. Da zündete der Soldat seine Pfeife an: einmal, zweimal, dreimal – die Funken sprühten. Mit einem gewaltigen Satz standen alle drei Hunde da. „Was wünscht unser Herr?“ Heiser, aber mutig rief der Soldat: „Rettet mich!“
Die Hunde sprangen. Der erste schubste die Wachen fort, der zweite warf Richter und Ratsherren in die Luft, der dritte hob König und Königin so hoch, dass ihnen die Kronen wackelten, und setzte sie erschrocken beiseite. Niemand wagte sich mehr heran. Da rief das Volk: „Der Soldat soll unser König sein! Er hat uns Gerechtigkeit gezeigt!“
Die Prinzessin sah den Soldaten an und lächelte. Sie kannte sein Herz nun besser als die alten Weissagungen. Und so wurde in dieser Stadt ein einfacher Soldat zum König. Er heiratete die Prinzessin, und die Hochzeit war prächtig. Die drei Hunde saßen zu beiden Seiten des Thrones, bekamen Bratenknochen und schauten so zufrieden, wie Hunde nur schauen können.
Seitdem bewahrte der König das Feuerzeug gut auf, nicht um Gold oder Macht zu holen, sondern um daran zu denken, dass Mut, Klugheit und ein wenig Glück das Schicksal verändern können.






















