Geschichtenbot
Das ehrliche Brüllen
Die Sonne wärmte das weite, goldene Gras der Sonnenlicht-Savanne. Akazienbäume warfen freundliche Schatten, und das Löwenrudel streckte sich wie schläfrige Könige und Königinnen auf glatten, warmen Felsen.
Kito, ein junger Löwe mit weichen Schnurrhaaren und Pfoten, die zu groß für seine Beine waren, stand groß auf einem Erdhügel. Er blies seine Brust auf und versuchte ein Brüllen.
"Rrr—rr—roaar!", quietschte er.
Das Gras erzitterte winzig. Ein Vogel blinzelte. Das war alles.
Asha, Kitos Cousine, tappte herüber und stieß ihn mit ihrer Schulter an. "Tapferer Versuch", sagte sie. "Da wächst du noch rein."
Kito wollte jetzt tapfer sein. Er wollte ein Brüllen, das über die Savanne rollte wie Donner. Er wollte die Art von Brüllen, die der Anführer, Big Boma, jeden Morgen benutzte – die Art, die sagte: Wir sind hier. Wir sind stark. Wir kümmern uns umeinander.
"Vielleicht brauche ich nur einen Platz zum Üben", murmelte Kito.
Er wanderte umher, seinen Schwanz schwingend, bis er eine kleine Höhle in einem Hügel aus rotem Fels fand. Ihr Eingang war ein dunkles Oval. Drinnen war es kühl und echoreich. Kito stand in der Mitte, drückte seine Pfoten in den sandigen Boden und versuchte es noch einmal.
"ROAAR!", rief er.
Die Höhle fing seine Stimme und schickte sie größer, tiefer, dröhnender zurück. "ROAAR! ROAAR! ROAAR!"
Kito sprang. Sein eigenes Brüllen klang wie das eines erwachsenen Löwen. Er versuchte es noch einmal, und die Höhle verwandelte sein kleines Brüllen in ein riesengroßes. Es fühlte sich an wie die Schuhe eines Riesen zu tragen.
Asha lugte hinein, die Augen weit aufgerissen. "Kito! Das war riesig!"
Kitos Ohren wurden heiß. Er wusste, dass die Höhle geholfen hatte, aber der warme Glanz von Ashas Lächeln ließ seine Brust sich groß anfühlen. "Danke", sagte er leise und sagte nicht mehr.
Am nächsten Morgen kletterte das Rudel auf den Echo-Hügel. Es war der Tag des Großen Brüllens, wenn Löwen hinausriefen, um die Savanne zu grüßen und einen starken, sicheren Kreis aus Klang zu setzen. Big Boma stand als Erster. Seine Mähne hatte die Farbe von Feuergras bei Sonnenuntergang, und seine Stimme rollte stetig und sicher hinaus.
"Wir sind hier. Wir sind stark. Wir kümmern uns umeinander", schien sein Brüllen zu sagen.
Kitos Runde kam. Seine Pfoten kribbelten. Er wollte tapfer sein. Er wollte groß sein. Er schlüpfte hinter einen Grat und in die kleine Höhle, die er gefunden hatte.
"ROAAR!", rief er.
Der Klang sprang heraus, riesig und kraftvoll. Zebras hoben ihre Köpfe. Warzenschweine erstarrten. Vögel flatterten in einem Flügelwirbel auf.
"Kito!", jubelte Asha. Das Rudel grollte vor glücklicher Überraschung.
Kito lächelte, aber in seinem Bauch rollte ein winziger Stein herum. Er hatte ihnen nicht von der Höhle erzählt.
Genau dann drückte ein heißer Wind über das Gras. Staub hob sich in einem hellbraunen Wirbel. Ein Zebrafohlen rief, dünn und besorgt, von der fernen Seite des Hügels. Der Wind drückte und drückte, und die Mutter des Fohlens rief zurück, ihre Stimme in Fetzen gerissen von den Böen.
"Wir brauchen ein stetiges Brüllen", sagte Big Boma. "Ein klares, um sie zusammenzuführen. Kito? Wirst du mir helfen, es anzuführen?"
Kito schaute auf die Höhle. Er machte einen Schritt darauf zu, dann stoppte er. Der kleine Stein in seinem Bauch fühlte sich größer an.
Er drehte sich zu Big Boma. "Ich... ich habe die Höhle benutzt", sagte er, die Worte klein, aber wahr. "Sie lässt mein Brüllen groß klingen. Ich wollte tapfer sein. Es tut mir leid."
Der Wind zischte. Staub kitzelte ihre Nasen. Asha drückte ihre Pfote gegen Kitos. Big Bomas Augen waren freundlich.
"Danke, dass du es mir erzählst", sagte Big Boma. "Ein wahres Brüllen kommt von einem tapferen Herzen, und tapfere Herzen sagen die Wahrheit. Steh mit mir auf dem Felsen. Benutze deine eigene Stimme."
Kito kletterte neben ihn. Er pflanzte seine Pfoten auf. Er fühlte den warmen Felsen unter sich. Er fühlte die Luft in seiner Brust. Er sah die kleine Gestalt des Fohlens durch den wirbelnden Staub.
"Rrr—roaar!", rief er. Es war nicht riesig. Aber es war klar. Es war Kito.
Asha hob ihr Kinn und brüllte mit ihm. Einer nach dem anderen schloss sich das Rudel an. Ihre Stimmen flochten sich zusammen – tief, hell, stark und wahr. Der Klang spannte sich über die Savanne wie ein goldenes Band.
Die Zebramutter drehte sich zu den Stimmen. Das Fohlen antwortete, vorsichtig tretend, geleitet von dem stetigen Klang. In Momenten berührten sie sich an den Nasen, sicher wieder zusammen.
Der Wind wurde weicher. Der Staub fiel. Die Savanne seufzte.
Big Boma stieß Kitos Mähne an. "Dein Brüllen ist heute gewachsen", sagte er. "Nicht an Lautstärke. An Ehrlichkeit."
Kito atmete die warme, grasige Luft ein. Der Stein in seinem Bauch war weg. Er schaute zurück zur kleinen Höhle und gab ihr ein freundliches Zwinkern.
"Danke für die Übung", sagte er ihr. "Aber ich werde mein eigenes Brüllen benutzen." Er lachte, und der Klang war klein und hell und genau richtig.
Asha stieß ihn wieder an und grinste. "Tapferer Versuch", sagte sie. "Tapfere Wahrheit."
Kito hob seinen Kopf. Er war nicht der größte Löwe. Er war nicht der lauteste. Aber er stand groß da, und sein Herz fühlte sich mächtig an. Er brüllte, und dieses Mal hörte die Savanne Kito zu – ehrlich, stark und stolz.
Ende
